Gedanken

Onkel Gustl

Er war ein tief bescheidener und aufrechter Mann, von dem wir alle wussten, dass sein Lebensweg durch den zweiten Welt-Krieg als Sanitätssoldat in Weißrussland und seine langjährige  russische Gefangenschaft in Sibirien, auch durch den Verlust der Heimat – eine völlig andere Richtung genommen hat.

Von Kindheit an ein ernster, stiller, nachdenklicher Mensch, zog er sich nach seiner Rückkehr als Spätheimkehrer  viele Jahre lang noch tiefer in sich selbst zurück.  Er lachte selten und wollte lange Zeit nicht über diese schrecklichen neun Jahre seiner verlorenen Jugend reden.

Trost und Kraft gaben ihm die Musik, und hier vor allem seine Violine, die er seit der Kindheit vorzüglich spielen konnte. Dazu kam das Singen im Domchor. Er liebte auch das Wandern  in den Alpen oder im Bayerischen Wald. Skifahren und Schwimmen gehörten zu seinen besten Sportarten. Daneben unternahm er viele schöne Ausflüge mit seiner Mutter  nach Österreich. Oft war auch Frau Luise mit dabei.

Anfangs fuhren sie mit dem Motorrad weg, später mit dem Fiat.

Onkel Gustl interessierte sich sehr für die Baukunst und für alte Eisenbahnen. Gerne besuchte er später seine Angehörigen in Wien, in München, in Nürnberg (mit dem Verkehrsmuseum) und kam mehrmals bis in den „hohen Norden“ zu uns und nach Bremen und Hamburg. Dann wanderte er stundenlang durch die Städte und interessierte sich für alles so genau, dass man manchmal in Erklärungsnot kam.

Gustav Franzl war als 5. Kind des Bäckermeisters Gustav Franzl und seiner Ehefrau Johanna in Zöptau geboren. Er war als  Sohn, nach vier Schwestern, damals der ersehnte „Stammhalter“. Nach ihm kam nur noch ein Bruder zur Welt.

Gustls Geburt fiel auf einen sonnigen Fronleichnamstag, weswegen die ganze Prozession in Zöptau bei seiner Ankunft noch einmal am Berg umkehrte, um dem neugeborenen Kind und seinen Eltern ein Ständchen zu bringen.

Dies war vielleicht der unbewusste Grund, weshalb der spätere Ministrant Gustl einmal Pfarrer werden wollte?

Nun, Pfarrer wurde er nicht , sondern lernte nach seinem Besuch des Mährisch Schönberger Gymnasiums Buchführung und begann seine Arbeit bei den Zöptauer Velamos – Fahrrad Werken.

Als Buchhalter arbeitete er später auch in seiner neuen Heimat Passau für ein Textilhaus, das es heute nicht mehr gibt.

Hervorzuheben ist in meinen Augen auch noch sein liebevoller, nie einengender, stets ruhig und taktvoller Umgang mit seiner alten Mutter, unserer geliebten Passauer Oma! Bis kurz vor ihrem Lebensende mit fast 100. Jahren konnte sie bei ihrem Sohn wohnen. (Oft aber auch bei ihrer Tochter Traudl, die damals noch in Passau lebte.)

Wenn ich heute an unseren Onkel Gustl denke, fällt mir auch sein leichtes Schmunzeln ein und sein stiller aber treffender Humor, den er trotz mancher Bitterkeit besaß.

Und dann noch seine Treue zu seiner Familie, zu seinen Schwestern, seinen Nichten und Neffen. Wie auch ein Leben lang zu seiner alten Heimat und dem katholischen Glauben.

Seine handgeschriebenen  Karten und seine regelmäßigen Anrufe werden uns sehr fehlen.

Er starb am 17. Mai 2011, wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag.