Reiseberichte

Flöhau – Blšany

Blsanka Libesovice.jpg   Foto – Wikimedia Commons

Teil einer wiedergefundenen Reisebeschreibung aus dem Jahr 1989

Vorwort

Erstaunlich, wie ärmlich und triste das Land damals auf uns wirkte. Heute kann man Tschechien kaum noch von einem westeuropäischen Land unterscheiden.Vor allem die Hauptstadt Prag und ihre Umgebung wirken freundlich, gepflegt und aufgeschlossen.

Darüber berichtet auch mein letzter Beitrag „Gedanken über Prag 2016“.

Empfehlenswert ist auch ein interessanter Link: Unterwegs in Tschechien | Sehenswertes, Nützliches und Aktuelles

Blšany heißt der Ort jetzt, aus dem meine väterlichen Vorfahren stammen. Sein früherer Name war Flöhau gewesen. Seit Generationen gehörte meinen Vorfahren die Flöhauer Mühle. Noch unser 1902 geborener Vater hat seine ersten Kinderjahre auf dieser Mühle verbracht. Später sind seine Eltern mit ihm in das neu gebaute Haus neben der Töpferei und später in das Haus auf der Ziegelei gezogen. Der letzte Mühlenbesitzer war dann unser Onkel „Nand“ gewesen. Ferdinand Löschner, mit ganzem Namen. Er soll einmal der reichste Mann in der Gegend gewesen sein. Schmal und verhärmt sah er nach der Vertreibung aus. Mit zwei tiefen senkrecht verlaufenden Furchen in den eingefallenen Wangen. Aber immer noch mit seinen freundlichen blauen Augen.

Vielleicht werde ich später einmal etwas mehr über ihn erzählen.

Aber nicht an ihn muss ich denken, als wir in den Ort einfahren, sondern an meine Großeltern.

1946 soll die Oma zuerst in den Garten gelaufen sein, als sie erfahren hatten, dass sie gleich alles verlassen müssen. Sie wollte, wie verrückt, noch schnell irgendwelche Beeren für uns Kinder pflücken. Nachdem man sie endlich etwas beruhigt und wieder zurück geholt hatte, griff sie nach ihrer eisernen Liwanzenpfanne, um sie unbedingt mit in ihren Rucksack zu stopfen. Diesmal ließ sie sich ihr Vorhaben nicht ausreden, auch wenn das Gewicht der Pfanne das erlaubte 40 Kilo Gepäck stark beengte.

Als später die Verwandten und fast alle Flöhauer Einwohner in einer langen, traurigen Reihe den Berg hinauf wanderten, in Richtung der Kreisstadt Podersam, zum ersten Sammellager, von wo aus dann die Registrierung und Verteilung in die Güterzüge stattfinden sollte, blieb nur der alte treue Schäferhund zurück, Peter, der so sehr an meiner Oma hing, dass er stundenlang vor der Haustüre saß und wartete, wenn sie im Ort einkaufen war. Der sich vor Freude jedes Mal fast überschlug, wenn er sie endlich nur als kleines Pünktchen von unten herauf kommen sah. Wie lange mag das arme Tier an diesem und an den folgenden Tagen wohl vergeblich dort gesessen und auf meine Oma gewartet haben?

Aber eigentlich wollte ich etwas anderes erzählen. Nämlich, dass der neu eingesetzte tschechische Bürgermeister uns in Flöhau noch nachgehumpelt kam, um sich für seine Landsleute zu entschuldigen. Und dass er vor meinem Großvater seinen Hut zog und sich tief verbeugte. Er hatte wohl erfahren, dass der alte Herr so viel für den Ort und für die tschechischen Arbeiter getan hatte.

Aber auch, dass der Großvater nach einiger Zeit nicht mehr weiter gehen konnte.

Schließlich erlaubten ihm die tschechischen Aufseher, dass er sich auf einen Leiterwagen setzen durfte. Nachdem der Greis sich etwas erholt hatte und wieder stehen konnte, deutete er mit seinem langen Arm auf die weit unter uns liegenden Häuser, auf den vertrauten Wald und seinen Garten am Hang, mit den vielen Obstbäumen und sagte: „ Kinder, dreht euch noch einmal um und schaut hinunter. Das alles werdet ihr für eine lange Zeit nicht mehr sehen!“

Über 40 Jahre sind inzwischen vergangen! Mein Großvater ist bald nach unserer Ankunft in Schernberg gestorben.

Schon wieder stehen wir vor einer verschlossenen Kirche. Wir drehen uns ratlos um und schauen über den Marktplatz auf die grauen, einstöckigen Häuser. Links, das könnte wohl einmal das Gasthaus gewesen sein? „Hostinec“ steht über der Tür. Und das dunkle Gebäude dort hinter dem Platz könnte vielleicht die Mühle sein? Das Rathaus auf der rechten Seite sieht frisch verputzt aus. Mein Urgroßvater ist dort einmal Bürgermeister gewesen. Wir gehen die wenigen Schritte zu unserem Auto zurück. Wir wollen jetzt doch den alten Plan herausholen, den unser Vati einmal vor vielen Jahren aus dem Gedächtnis gezeichnet hat. Auch die Wohnhäuser waren darin skizziert. Ob die überhaupt noch stehen? Vor der Kirche ist eine Bushaltestelle. Eine alte Frau wartet hier. Sie beobachtet uns schon die ganze Zeit „Mechtn Sie in die Kirche rein?“ Wir lächeln sie an und nicken. „Wartns, ich hol den Pfarrer.“ Sie läuft vor uns her bis zum Nachbarhaus und geht dort durch das große halbrunde Hoftor. Dabei ruft sie etwas auf tschechisch. „Hä?“ ein Bauarbeiter schaut hinter der Mauer hervor. Er winkt einen Kollegen herbei. Der ist ein kräftiger Mann mit grauen Haaren und mit einem freundlichen, runden Gesicht. „Grüß Gott! Ich hol nur schnell den Schlissel…..“ sagt er und legt seine Kelle ab.

„Das ist der Pfarrer!“ flüstert mir die Frau zu. „Der is fei viel gut!“ „Wieso können Sie deutsch sprechen?“ Sie wehrt verlegen ab. „Ach, nicht mehr gut! Das ist schon so lang her. Damals bin ich noch ein Kind gewesen…“ Schnell drückt sie mir beide Hände, umarmt mich und rennt wieder auf ihren Platz unter den Bäumen. Inzwischen stehen dort noch zwei jüngere Frauen. Sie unterhalten sich, während sie zu uns her schauen.

In der Kirche ist es hell, sauber, es riecht nach frischer Farbe. Aus den Augenwinkeln heraus bemerke ich, dass der Geistliche Weihwasser nimmt und sich bekreuzigt, während er eine Kniebeuge macht.

Noch fühle ich mich fremd und unbeteiligt hier, stehe ganz hinten, betrachte den hellen Steinboden, die dunkelbraunen Bänke, den Altar. „Die Kirche ist dem heiligen Michael geweiht!“ erklärt uns der Pfarrer. Wir entdecken den Erzengel auf dem Altarbild. Er kämpft dort gegen den Teufel, gegen das Böse. Seit vielen hundert Jahren schon. Um den Engel herum ist ein Baldachin aufgezeichnet. Winzige Putten schweben über den Säulen. Den Altartisch hat man mit einem violetten Tuch abgedeckt. Eine goldgelbe Borte liegt darüber und der Tabernakel strahlt in einem leuchtenden Weiß und wird von zwei ebenso weißen großen Engeln bewacht. Etwas dunkler dagegen sehen die beiden Heiligen aus, die links und rechts hinter dem Altar in ihren halbrunden Nischen stehen. Weiter vorne hängt ein schlichtes Holzkreuz vor dem braunen Taufbecken, das die Form einer Seerose hat und gegenüber befindet sich die Kanzel. Sie ist als sechseckige Säule auf eine riesige Muschel aufgesetzt, das Zeichen der Pilger. Über der Kanzel schwebt ein glockenartig geschwungenes Dächlein und darüber prangen zwei längliche weiße Tafeln aus einem Kranz von goldenen Strahlen. Es sind die zehn Gebote. Links stehen die drei, rechts dann die sieben und alle in römischen Zahlen.

Wie oft mag mein Vater als Kind diese beiden Tafeln gesehen und vielleicht längst nicht mehr richtig wahrgenommen haben, weil sie ihm so selbstverständlich waren? Ich setze mich in die hinterste Bank und stelle mir vor, wie er als kleiner zappeliger Junge dort vorne gesessen hat, um seine Kommunionskerze so zu halten, dass ihm das heiße flüssige Wachs nicht auf seinen neuen dunkelblauen Anzug tropft. Aber sicher wird es eine vergebliche Mühe gewesen sein! Oder ich sehe, wie ihn als winziges Kind sein Onkel Ferdinand mit ungeübten Händen dort drüben über das Taufbecken hält. Oder, wie er als schlimmer Lauser, schon etliche Jahre später, eilig über die Holztreppe der Empore herunterpoltert und hinter seinem Freund, wohl irgendeinem „Seff“, zur Tür hinaushetzt. Während droben der verlassene Blasebalg, der von den Jungen getreten werden sollte, noch einmal einen letzten Jauler von sich gibt, bevor die Orgel schließlich ganz verstummt. „Großer Gott, wir loben dich!“ Wie erstaunt mögen die Köpfe der Gemeindemitglieder hochgestarrt haben? Bis auch der letzte Mensch begriffen hatte, was ihnen da wieder einmal für ein Streich gespielt worden ist!

Irgendetwas würgt mich im Hals, brennt in den Augen. Ich möchte aus der Kirche rennen, bevor mich ein Gefühl einholt, das ich bis Saaz noch verdrängen konnte. Nämlich die traurige Erkenntnis, dass dieser Teil unserer Reise für mich zu einer Heimkehr in die Fremde geworden ist. Denn es wird mir auf einen Schlag die Bedeutung des Begriffs Vertreibung oder Aussiedlung oder ethnische Säuberung in ihrer radikalen Wirkung bis in die späteren Generationen hinein klar. Ähnlich mag es wohl jedem Flüchtling ergehen, der irgendwann in das Land seiner Vorfahren zurück kehrt und erkennen muss, dass alles, was für seine Vorfahren einmal vertraut und wichtig war, was durch Generationen an Sitten und Kultur sich entwickeln konnte, durch die Entfernung einer ganzen Ethnie für immer verloren ist.

Aber warum mir diese sonderbaren Gedanken ausgerechnet in den Sinn kommen, als ich in dem fast einzigen Gebäude sitze, das noch vorzüglich erhalten ist und als hinter mir der freundliche tschechische Pfarrer steht und mich zu trösten versucht, kann ich nicht sagen.

Als wir später wieder zu der Bushaltestelle kommen, stehen die drei Frauen immer noch dort und winken uns nach. Auch der Pfarrer steht da und winkt. Wir fahren nun die Strasse nach Podersam hinauf. Rechts muss früher der Weinberg gewesen sein, dann sollte der Berghang mit dem Ziegeleihaus auftauchen. Ja, dort oben, das ist es! Ganz wie es mein Vater uns aus seiner Erinnerung aufgezeichnet hat! Über blühenden Sträuchern gucken die beiden oberen Fenster unter dem helmartig geschwungenen Dach hervor. Es hat etwas Verzaubertes an sich, dieses gelbe Haus dort droben. Es sieht aus, als würde es uns vertraulich entgegen schauen. Aber auch der Hang darum und weiter und sogar die Obstbäume und Büsche sehen so aus, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Diese sanften Absätze zwischen den Steigungen, die Schlehen über den Wegen und die wilden Heckenrosen.

Ich gehe ein paar Schritte weiter hinauf, höre die Vögel singen und fasse in die dicke rotbraune Erde, die wie Knete in meinen Händen liegt und nach Frühling riecht. Und auf einmal wird mir klar, dass es genau dieser Hang ist, nach dem ich als Kind immer Sehnsucht hatte.

Später finden wir dann auch noch das Haus an der Strasse zu Saaz. Weil es durch einen Anbau verändert worden ist, konnten wir es nicht gleich erkennen. Auch fehlen jetzt der Springbrunnen, den mein Vater uns aufgezeichnet hatte und der riesige Birnbaum. Während wir nur noch die Mühle suchen, erzähle ich Joachim, warum unsre Häuser immer so merkwürdige Namen wie „auf der Ziegelei“ – oder „auf der Töpferei“ hatten. Dass diese rote Erde, die man hier überall sehen kann, nicht nur sehr fruchtbar ist, sondern dass sie sich auch zum Töpfern und zum Ziegelbrennen bestens eignet. Auch, dass der Sand des Goldbaches, unten an der Mühle und weiter drüben, für die Porzellanherstellung nach Meissen verkauftt wurde. Und dass mein Großvater sich eine Ziegelei und Töpferei für den Eigengebrauch errichten ließ und seine Wohnhäuser danach benannte. Der Ziegelofen, der allerdings schon längst verfallen war, wurde von ihm wie ein chinesischer Tempel entworfen. Es gibt in Pentenried noch ein Foto davon. Und die später erbaute Hopfendarre, eine Erfindung, die ihn in damals im ganzen Land bekannt gemacht hatte, soll im “Goldenen Schnitt“ erbaut gewesen sein.

Inzwischen sind wir wieder über den großen Kirchplatz doch noch zur Mühle gekommen. Die sieht aber recht verfallen aus. Hier kann man sich kaum noch vorstellen, dass sie einst der Mittelpunkt des Dorflebens gewesen sein soll! Wohin die Bauern nicht nur mit ihren Getreidesäcken, sondern noch mit allen möglichen technischen Anliegen und manchmal auch zur Einkehr gekommen sind. Und dass in diesem Gebäude einmal mein Vater, sein Bruder Walter und die niedliche kleine Hermine ihre allerersten Schritte gemacht hatten. Auch, dass hier einmal eine Vorfahrin gelebt haben soll, die vor mehr als hundert Jahren schon so emanzipiert war, dass sie ihre geliebten Bücher ihren Hausfrauenpflichten vorgezogen hat.

Nur als dunkle Ruine steht jetzt noch die Mühle da. Ein bisschen geheimnisvoll, vielleicht sogar unheimlich. Und drüben, an der Haltestelle vor der Kirche ist inzwischen der Bus abgefahren.

J. A.