Erzählungen

Watte-Weihnacht

Mama sagt, es ist Krieg.

Hier regnet es den ganzen Tag. Bei uns zu Hause scheint fast immer die Sonne. Mama sagt, dass wir nicht dort bleiben konnten, weil Krieg ist. Aber im Fernsehen habe ich gesehen, dass es bei uns doch noch Menschen gibt: Da war ein Mann, der redete in ein Telefon und sagte, dass dort Krieg ist.

Ich will trotzdem heim! Hier ist es nicht schön! Immer nur schlechtes Wetter und alle Leute sind böse. Wenn wir einkaufen, denken die Verkäuferinnen, wir wollen etwas stehlen. Sie gucken immer ganz genau, ob wir auch alles in den Einkaufswagen hineinlegen. Und wenn ich auf dem Spielplatz bin, spielt keiner mit mir. „Ausländer“ sagen sie – und manchmal „Ausländer, hau ab!“ Ich möchte so gern wieder nach Hause! Wann können wir bloß wieder zurück? Daheim habe ich eine weiße Ziege. Sie heißt Maruschka. Meine Ziege wartet auf mich! Ich muss sie füttern! Mama sagt, dass meine Ziege tot ist. Alle Häuser in unserem Dorf sind kaputt geschossen. Mama ist gemein. Und Papa ist böse. Früher hat er jeden Tag gearbeitet. Jetzt sitzt er immer nur auf der Matratze und raucht. Und ständig nörgelt er herum. Als ich ihn fragte, warum er nicht arbeitet, hat er mir eine runter gehauen. Zuhause gibt er mir niemals Schläge. Dort haben wir auch ein Auto und einen Großvater. Mein Opa heißt Stanek. Er hat einen ganz langen weißen Bart, wie der Nikolaus. Vor ein paar Tagen war hier auch ein Nikolaus. Der hatte aber nur einen angeklebten Bart aus Watte. Und er blieb ganz unten in der Eingangstür stehen und wollte kein bisschen weiter ins Haus kommen. Die Kinder von den Serben und von den Albanern sind hinausgelaufen und haben Obst bekommen. Und die Kinder aus Rumänien, die haben auch noch was abgekriegt. Aber für uns und für die Kinder aus Afrika hatte der Watte-Nikolaus nichts mehr übrig gehabt. Er meinte, dass er nicht wissen konnte, dass so viele Kinder in dem alten Haus wohnen. Ich weiß selber nicht genau, wie viele Kinder es sind. Mein Papa hat 65 Menschen gezählt. Es sind unten vier und oben sechs Familien. Und das Haus hat zehn Zimmer. Daheim haben wir mit dem Großvater zusammen vier Räume für uns allein. Dazu kommen noch das Bad und das Klo. Hier muss man über den dreckigen Hof gehen, wenn man aufs Klo will. Die Toiletten sind aus Metall und stinken. In der Nacht lassen mich Mama und Papa nicht hinaus, weil sie Angst haben, dass mir ein Dachziegel auf den Kopf fällt oder dass mir jemand was tut. Da soll ich aufs Töpfchen gehen. So was Doofes, mit sechs Jahren noch auf den Nachttopf. Ich halte immer zurück, bis zum Morgen. Manchmal schaffe ich es nicht. Ich will wieder nach Hause! Bei uns regnet es nur ganz selten. Wir haben einen langen Strand mit viel Sand. In dem weißen Sand kann man große Burgen bauen. Oder man kann Flüsse und Straßen buddeln. Das Meer ist bei uns so blau wie dieser Vorhang. Dort kann ich hundert Meter weit hinauslaufen und baden. Aber natürlich nur im Sommer. Jetzt ist das Wasser dort zu kalt. Dann darf ich höchstens meine Schuhe ausziehen und ins Wasser steigen, wenn ich eine ganz große Muschel sehe. Aber meine Mama sagt, dass jetzt Krieg ist und dass sie alle totschießen, die dort herumlaufen. Wenn die mich totschießen wollen, da kann ich nur lachen! Da laufe ich nämlich so schnell wie ein Löwe oder wie ein Indianer und renne bis in meine Höhle! Und dann kann mich kein Soldat mehr finden! Aber wenn einer meine Mama töten will, dann stelle ich mich hin und sage: „He, was tust du da? Willst du wohl meine Mama in Ruhe lassen mit deinem blöden Schießgewehr?“ Oder: „Du, weißt du wohl nicht, dass ich He-Man bin?“ Aber meine Mama sagt, ich soll still sein. Und sie kocht uns auch keine guten Sachen mehr. Sie sagt, dass man in diesem Haus nicht kochen darf. Dafür bekommen wir das Essen von einem Auto. Das Essen sieht zwar sehr schön aus aber es schmeckt so komisch. Mein Papa mag das Essen von dem Auto auch nicht. Die anderen sagen, sie können sich für acht Mark 50 selber etwas Besseres kochen. Meine Mama weint jeden Abend. Wenn ich Lärm mache oder wenn ich mit meiner Schwester streite, dann brüllt sie uns an. Aber sie selber zankt sich dauernd mit Papa herum. Zuhause haben sich meine Eltern nie gestritten. Alle Leute im Haus sind furchtbar nervös. Nur die Familie aus Afrika ist immer freundlich. Übrigens heiße ich Ivo und meine Schwester heißt Jana. Jana ist erst fünf Jahre alt. Sie geht noch nicht in die Schule. Gestern hat Jana behauptet, dass es in Deutschland auch Weihnachten gibt. Ich glaube das nicht. Es ist bestimmt wieder nur so ein Watte-Weihnachten wie der Watte-Nikolaus, der sich nicht zu uns hereingetraut hat. Hier, im oberen Stock wohnt eine Familie aus Bosnien. Mein Papa sagt, das sind Zigeuner. Heute Nacht hat die Frau ein winzigkleines Kind bekommen. Meine Schwester sagt, das ist das Christkind. Meine Schwester hat auch einen Engel gesehen. Aber Mama ruft: „Kind, du träumst wieder!“   (geschrieben 1992)