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Erinnerungen an Peter Härtling

Von Weitem hätte man sie für Zwillinge halten können: Peter Härtling und seine Frau Mechthild glichen sich, wie Geschwister. Beide waren im selben Alter, beide trugen die gleiche Frisur und große Brillen. Die Frau war etwas kleiner und schlanker als er. Und meistens holte sie mittags Sophie vom Kindergarten ab. Da standen wir dann, wir Mütter, lässig an unsere Fahrräder gelehnt und unterhielten uns über die Kinder. „Härtling, stellte sie sich einmal vor.“ „Ihr Mann ist Schriftsteller.“ erfuhr ich ein anderes Mal von den Müttern.

In unserem alten Kindergarten-Film sitzt der Schriftsteller Härtling neben seiner Frau beim Sommerfest und schaut den Darbietungen der Kinder zu.

„Erst kommt der Sonnenkäfer-Papa, dann kommt die Sonnenkäfer-Mama und hinterdrein, so klimperklein, die Sonnenkäferkinderlein…“ die Jüngsten kommen als Marienkäfer verkleidet daher

Härtlings Tochter, Sophie, ist bereits in der größeren Gruppe, die hüpft in Säcken oder auf großen bunten Bällen in ein Ziel. Oder die Kinder lassen farbige Hulahup-Reifen um sich kreisen. Die Sonne scheint. Die Erwachsenen sitzen an langen Tischen. Nur die Leiterin läuft mit der großen Kaffeekanne von Tisch zu Tisch.

An einem Tisch sitzt Peter Härtling. Er raucht viele Zigaretten, dazwischen lacht er und redet mit den Eltern, die sich rings um ihn gesetzt hatten. Meistens waren das junge Lehrer. In der APO- Zeit trugen sie oft lange, strähnige Haare oder Pferdeschwänze und Latzhosen. Ihre Frauen kamen in ausgestellten Jeans und Leinenblusen. Aber, durch den nahen Rhein-Mainflughafen stammten die Kinder oft aus ganz unterschiedlichen Gegenden und Millieus.

Einige Eltern waren gut verdienende Piloten oder Stewardessen. Andere halfen im Bringe- oder Reinigungsdienst am Flughafen. Dann gab es die Kinder der alten Walldorfer Familien, die oft Coutantin Cezanne oder Jourdan hießen und von den Waldensern abstammten. Diese Eltern waren oft Handwerker und Kaufleute.

Warum Peter Härtling mit seiner großen Familie ausgerechnet nach Mörfelden – Walldorf gezogen war, konnten wir schwer erraten. Denn Walldorf war kein schöner Ort und lag auch nicht an einem romantischen Fluss oder See. Nur den nahen Wald konnte man oft besuchen, in dem es noch seltene Pflanzen und sogar Hirsche gab. Heute verläuft dort die neue Startbahn West, gegen die wir damals erfolglos unterschrieben hatten.

Aber irgendeinen Reiz musste Walldorf, das mit Mörfelden zusammen gelegt wurde, doch haben. Man konnte sich wohlfühlen in diesem kleinen Ort, der fast so viele Sonnenstunden hat, wie der reizvolle Kaiserstuhl.

Dieses Gefühl mögen auch Peter Härtling und seine Frau gehabt haben, als sie dort ihr Haus bezogen. Ob es noch das Flair der eingewanderten Waldenser war? Die sich seinerzeit aus religiösen Gründen in dieser Gegend angesiedelt hatten? Jedenfalls hat Peter Härtling fast sein halbes Leben in Mörfelden- Walldorf verbracht.

Und schon damals wirkte er, in diesem unruhigen APO-Gewimmel, durch seine vernünftige Art zu diskutieren und seine große Lebenserfahrung den meisten Jüngeren überlegen. Mit ihm zu diskutieren war immer eine Freude. Niemals blamierte er einen Frager bei seinen Lesungen.

Aber dazu komme ich vielleicht noch später.

Anders, als in anderen Kindergärten oder gar Kinderläden der damaligen Zeit, gab es in Walldorf noch einen Kindergarten mit einem interessanten Programm für jeden Tag, für jede Jahreszeit und für alle Feste. Es gab Spielecken mit Puppenstuben und Legosteinen und auf der großen Wiese eine Schaukel und andere Spielgeräte, sowie einen riesigen Sandkasten. Außerdem lud der Kindergarten in jedem Jahr zu einem Sommerfest für alle Kinder, Eltern und Großeltern ein.

In unserem kleinen Film, den wir bei einem dieser Gartenfeste im Jahre 1977 aufgenommen hatten, erzählt Peter Härtling den Umsitzenden gerade von seinem neuesten Buch. Soweit ich mich erinnere, war es, „Theo haut ab.“ gewesen.

„Welche Bücher empfehlen Sie denn für Kinder?“, fragte ihn eine junge Mutter.

„Ich kann ja einmal an einem Eltern-Abend über Kinderbücher referieren.“ schlug er ihr vor.

„Nur bitte nicht in der nächsten Zeit“, schränkte er sein Angebot ein.

„Er ist nämlich gerade zum Stadtschreiber von Bergen-Enkheim ernannt worden.“ erklärte uns die Leiterin.

An diesem besonderen Elternabend erfuhren wir dann, worauf man bei der Lektüre für Kinder achten sollte.

„Verlangen Sie keine Bücher nur nach dem Namen des Verlags, wie zum Beispiel „Ein Schneider Buch, ein Pixi Buch etc, sondern achten Sie auf die Namen der Autoren! James Krüss, Otfried Preussler, Astrid Lindgren…“ „Peter Härtling“ fügte ein junger Vater scherzend hinzu. „Ja, ja, natürlich kann ich auch meine Bücher empfehlen,“, lachte der Genannte. Dann las er einen Teil aus seinem Buch „Theo haut ab.“ vor und sprach über das Buch von einem kleinen behinderten Jungen, „Das war der Hirbel.“ „Ich habe angefangen Kinderbücher zu schreiben, weil ich meinen Kindern immer vorlesen sollte. Da waren oft Geschichten dabei, die nicht stimmten. Wenn man für Kinder schreibt, muss man noch viel genauer auf die Sprache achten und auch der Inhalt muss klar und ehrlich sein.“

Auch unsere Kinder lasen später gerne Peter Härtlings Bücher. Und als ich einmal mit unerem Sohn in Mörfelden eingeladen war, um ein Buch signieren zu lassen, meinte der Sechsjährige, dass auf dem Türschild doch eigentlich noch „Dichter“ stehen müsse! Herr Härtling amüsierte sich. Er würde auch Gedichte schreiben, verriet er uns. Aber ob er ein echter Dichter sei, das sollten lieber seine Leser beurteilen.

Später besuchten wir auch andere Lesungen von Peter Härtling. Besonders gefielen uns die Bücher „Nachgetragene Liebe“ und „Eine Frau“, sowie das Buch „Oma“ und „Alter John“.

Nachdem wir nach Norddeutschland gezogen waren, gab es noch einige interessante Telefongespräche, vor allem ein längeres Gespräch mit unserer Tochter zu der Idee der Peregrina in seinem wunderbaren Mörike Buch. Außerdem hielt er eine Lesung in unserer Kreisstadt ab und schrieb manche freundliche Zeile zu seinen signierten Büchern.

Zuletzt schickte er uns noch ein ganz besonderes Exemplar seines schmalen Bandes: „Brief an meine Kinder“, der bedauerlicherweise in keinem Buchhandel mehr zu bekommen war.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…“ Am 10. Juli 2017 ist Peter Härtling in Rüsselsheim gestorben.

J. A.

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