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Erinnerungen – Kapitel 2

Mit der Bahn von Zöptau nach Flöhau.

Gerade als ich über Flöhau schreiben wollte, fiel mir die Frage ein, wie unsere Mutter wohl seinerzeit die Strecke von mindestens 400 Kilometern mit uns kleinen Kindern geschafft haben mag. Sie musste Zöptau ja heimlich verlassen! Alle Deutschen hatten ein großes N (Němec) gut sichtbar auf der linken Brust zu tragen, um jederzeit erkannt zu werden.

Aber jemand wird uns damals an den Zöptauer Bahnhof oder gleich nach Mährisch Schönberg, das heute šumperk heißt, gebracht haben. Vermutlich war es der treue Großvater gewesen. Er hatte Mut und er kannte sich an den Bahnhöfen aus, weil er nach der Besetzung des Sudetenlandes durch die Reichsdeutschen noch ein Jahr bei der Bahnpost arbeiten musste, um seine Rente aufzubessern. Alle Rentner versuchten, irgendwo zu arbeiten, nachdem die Deutschen unsere hochwertige tschechische Krone im Kurs von 1 : 1 mit der schwachen Reichsmark gleich gesetzt hatten. Vor allem die alten Leute waren dadurch stark benachteiligt.

Unsere Flucht wird wohl von Zöptau aus über Mährisch Schönberg und weiter über Hohenstadt an der March (Zábřeh), über die Böhmisch-Mährischen Höhen und über die Stadt Kolin und Prag geführt haben.

Leider kann ich von unserer Mutter fast keine Auskunft darüber bekommen! Sie möchte nicht, dass wir uns mit dieser schlimmen Zeit befassen. Darum habe ich auch lange gezögert, diesen Bericht zu schreiben.

Aber eine aufregende Begebenheit zwischen Kolin (übersetzt „Köln“) und Prag, als sie schon dachte, wir hätten den größten Teil der Reise geschafft, erzählte sie manchmal.

Es passierte, nachdem der Zug bereits den Bahnhof von Kolin wieder verlassen hatte, dass die Bahn auf freier Strecke zum Stehen kam. Eine Gruppe tschechischer Militärpolizei (Soldateska, nennt sie unsere Mutter), kontrollierte alle Reisenden. Die deutschen Fahrgäste mussten sofort den Zug verlassen. Unsere Mutter hielt den schlafenden Säugling fest an ihre linke Brust gedrückt, damit man das N nicht sehen konnte und gab sich als Slowakin ohne Papiere aus. Eine tschechische Soldatin jedoch weckte mich Zweijährige aus dem Schlaf und sprach mich auf deutsch an. Da verriet ich mich durch meine Antwort und auch wir sollten den Zug verlassen. Meine Mutter wurde wohl kreidebleich, wie immer in solchen angstvollen Situationen. Aber ein männlicher Offizier, der uns kleine Kinder sah, sagte zu seiner Kollegin auf tschechisch, „Sehen Sie denn nicht, diese Frau hat kleine Kinder!“ Er bestand darauf, dass wir unbehelligt weiter fahren durften!

Und in Saaz, wo wir am späten Abend ankamen, gab es noch eine weitere gefährliche Situation.  Der Anschlusszug fuhr erst am nächsten Morgen. Und da der Bahnhof kalt und schmutzig war, erkundigte sich die junge Frau am Schalter nach dem Wartesaal: „Prosim, jak se dostanu do čekárny?“ Der Mann wollte sie schon hinschicken, als er an ihren Worten zu uns Kindern voller Schrecken bemerkte, dass wir Deutsche waren.

„Gehen Sie um Gottes Willen nicht in den Wartesaal“, rief der Mann voller Sorge. „Dort zechen bereits die Russen!“

Meine Mutter bekam wieder weiche Kniee und bat, sich bis zum Morgen in der Schalterhalle aufhalten zu dürfen.

„Gute Frau, das darf ich nicht erlauben!“ erklärte ihr der tschechische Beamte, „Das kann mich meine Stelle kosten!“

Voller Mitleid wies er uns jedoch einen versteckten Winkel an, wo wir uns bis zum frühen Morgen aufhalten durften. Aber er wisse von nichts, weil es streng verboten sei!

So kamen wir schließlich doch noch bis nach Flöhau und in das Haus meiner väterlichen Großeltern, wo bereits die halbe Verwandtschaft aus Böhmen und Mähren untergekommen war.

J. A.

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