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Erinnerungen – Kapitel 1

Schlimme Erinnerungen.

An meinen Geburtsort Zöptau, einem malerischen Luftkurort am Rande des Altvatergebirges, der heute Sobotin heißt, kann ich mich kaum noch erinnern. Ich war gerade 2 Jahre alt, als unsere Mutter mit mir und meinem 3 Monate alten Bruder aus Mähren floh. Trotzdem sind mir einzelne Szenen, die ich als Kind in Zöptau erlebt hatte im Bewusstsein. Unwichtige Bilder eigentlich, die mir kein anderer Mensch erzählt haben konnte, weil sie ganz nebensächlich waren. Die anderen, die finsteren Erinnerungen haben sich vor allem aus den Berichten der Erwachsenen, vielleicht auch über mir kaum bewusste Eindrücke in meinem Gedächtnis gespeichert.

Geboren wurde ich im Elternhaus meiner Mutter, im Bäckerhaus, wie man es immer noch nannte. Obwohl mein Großvater, der Bäckermeister Franzl, der auch Violine und Gitarre spielte und seine Gesellen und Lehrbuben vor allem nach ihrer Musikalität ausgesucht haben soll, jetzt  keine Brote, Semmeln, Kuchen oder Butterkipfln mehr buk. Aber darüber werde ich vielleicht ein anderes Mal berichten.

Dass wir schon vor der offiziellen Ausweisung der deutschsprachigen Einwohner aus Mähren flohen, lag an der irrigen Hoffnung meiner Mutter, die Region um Saaz in Böhmen, in der auch die Familie meines Vaters seit Generationen lebte, könnte von der russischen Besetzung verschont bleiben.

In Zöptau war unsere Mutter, mit anderen Zöptauern, zur Zwangsarbeit auf einem verminten Feld eingeteilt worden. Mit bloßen Händen mussten sie die Metallteile heraussuchen, damit man das Feld später pflügen konnte. Weigern durfte man sich nicht. Und die Gefahr, auf dem Feld von einer Granate zerfetzt zu werden war groß. Sogar der alte Pfarrer Esch, der uns Kinder getauft hatte, riet darum der jungen Mutter, die Flucht nach Böhmen zu wagen.

Dies alles geschah, als die Rotarmisten bereits wieder weiter gezogen waren und die neue tschechische Regierung fremde Menschen schickte, um die deutschen Höfe zu besiedeln. Jedenfalls diejenigen Häuser, die noch übrig geblieben waren, nach dem großen Feuer, das den ganzen mittleren Ortsteil von Zöptau vernichtet hatte.

Viele Jahre später erzählte uns der tschechische Schuldirektor bei unserem Besuch in Sobotin, dem ehemaligen Zöptau, was in diesen schlimmen 1945er Tagen passiert war: Dass sich zwei angetrunkene russische Soldaten heftig um ein Mädchen stritten. Und dass der eine vor Wut seinen eigenen Kameraden erschossen hatte. Dass man jedoch, um den Täter zu schützen angab, der tödliche Schuß sei aus einem der Bauernhäuser gekommen.

Zur Strafe wurden alle Häuser in diesem Ortsteil angezündet, die Bauern erschossen und ihre Frauen und Töchter vergewaltigt.

Es war wie ein Wunder, dass unsere Mutter den betrunkenen Soldaten immer wieder rechtzeitig entkommen konnte. Ein zweites Wunder auch, dass ihr neugeborenes Kind alle Strapazen überlebte. Denn leider war, wohl durch die Angst und ständige Not, die Muttermilch versiegt. Das arme Baby musste drei Tage lang im Steinbruch von einer alten Semmel, die in eine Windel eingewickelt und in Quellwasser getaucht war leben. Aber der kleine Bruder schien es zu vertragen. Jedenfalls lebt er heute noch und erfreut sich einer guten Gesundheit.

Oft aber musste die junge Frau uns Kinder auch bei ihren Eltern zurück lassen, wenn eine Flucht für unbestimmte Zeit noch höher ins Gebirge nötig war. Um vor Angst fast verrückt zu werden, als sie einmal vom Berg herunter die brennenden Häuser im Dorf sah!

Könnte es nicht ihr Elternhaus sein, das da unten brannte? Sollte sie nicht aus ihrem Versteck hinunter rennen, um ihre Eltern und Kinder vielleicht noch zu retten?

Diese schrecklichen Gedanken waren zu viel für die junge Frau. Sie wusste nicht mehr ein noch aus. Planlos irrte sie auf dem Berg umher und fiel schließlich bewusstlos zu Boden. Später wachte sie in einer der einsamen Berghütten auf, wo sie ein altes Ehepaar, das sie auf dem Weg gefunden hatte pflegte, bis sie wieder gehen konnte.

Unser eigenes Überleben verdankten wir Kinder in diesen schlimmen Tagen ganz sicher auch unseren geliebten Großeltern, die in jener grauenvollen Zeit ihre eigene Angst verdrängten, um sich ganz um uns zu kümmern.

Ein anderes Mal flüchtete sich unsere Mutter auch in das eiskalte Wasser des Köhlerbaches. Genau unter die Brücke, über welche die johlenden Soldaten rannten, um nach Frauen zu suchen. Später meinte sie, dass ein glühendes Fieber sie wohl in diesem eisigen März vor dem Erfrieren bewahrt hätte.

Es sind entsetzliche Verbrechen damals passiert, in diesenTagen. Aber man darf nicht vergessen, dass Adolf Hitler den grausamen Krieg ja begonnen hatte. Dass Nazi-Deutschland Russland überfallen und dass Hitler persönlich die international gültigen Vereinbarungen der Genfer Konvention abgelehnt hatte.

J. A.

 

 

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