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Das Café der toten Dichterin

Es begann an einem regnerischen Nachmittag im Mai. Ich hatte mehrere Freundinnen zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Denn es war mein Geburtstag.

Nach dem Kaffee kamen wir auf Sarah Kirsch zu sprechen. Einige Jahre lang hatte sie mit ihrer Familie in unserem Ort gelebt. Schräg hinter unserem Haus begann ihr Zaubergarten. Alte Rosen mit faustgroßen Blütenköpfen, Vergissmeinnicht wie blaue Kissen, kleine Steinnelken, Iris, Lavendel und im Herbst die schönsten Astern und Dahliensterne. Dazwischen gab es auch kleine Beete mit Gemüse und Kräutern. Ein Dichtergarten war in dieser Zeit entstanden, ein Garten, wie aus einem alten Märchenbuch. Vor der Haustüre räkelten sich die Katzen Peter und Paul und irgendwo auf einem der krummen Apfelbäume saß der beleidigte Kater, den sie noch mitgebracht hatten. Der kürzeste Weg zu ihrem Haus führte über eine flache Wiese, wo der Bauer manchmal seine Pferde grasen ließ.

Ich zeigte meinen Freundinnen die Stelle, an der wir damals über den Zaun gestiegen waren, um uns zu besuchen. Und wir sprachen von ihrem Tod, der uns in diesem Mai so traurig überrascht hat.

An der Eider ist sie gestorben, in Thielenhemme, besser in Heide, wie mir ihr Sohn erzählte. Sie hatte lange nichts mehr von sich hören lassen. Man sollte nicht wissen, dass sie krank war. Sie selber wollte die Krankheit nicht beachten.

Zur Erinnerung, holte ich jetzt den Ordner mit ihren kalligraphisch hand-geschriebenen Briefen hervor. Ein dicker Ordner ist es geworden. Fast zehn Jahre lang hatten wir uns noch, nach ihrem Wegzug geschrieben.

So blickten wir uns nun über die Schultern und lasen, lasen und freuten uns an ihren köstlich formulierten Sätzen, humorvoll, ehrlich und warmherzig, wie man es auch in ihren Gedichten spüren kann.

Als wir uns beim nächsten Mal zum Kaffee trafen, hörten wir uns noch einige Gedichte an, vor allem solche, die sie in ihrer Botheler Zeit geschrieben hatte.

Mehr als vier Jahre sind seit diesen ersten Lesungen vergangen.

Viele neue Schriftsteller und Dichter haben wir uns seither gegenseitig vorgestellt. Es macht einfach Spaß, in einer angenehmen Atmosphäre von seiner derzeitigen Lektüre zu berichten und sich mit guten Freundinnen darüber auszutauschen.

Aus unseren gemütlichen Treffen ist jedoch kein Literaturkreis im strengen Sinn entstanden.

Viel eher sind es der großzügige Geist von Sarah Kirsch und ihr feinsinniger Humor, die  uns auch heute noch von fern begleiten.

J. A.

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