Erzählungen Sonstiges

Kde domov…?

Eine alte Liebesgeschichte

oder wie meine Flöhauer Großeltern sich einst fanden.

In jeder Familie gibt es ein paar kleine Geschichten, Legenden könnte man vielleicht sagen, die sich bei den Vorfahren zugetragen haben sollen und die vor allem die jüngeren Kinder noch gerne hören.

Die Geschichte, wie mein mährischer Großvater seine wunderbare Frau gefunden haben soll, will ich gerne ein anderes Mal erzählen.

Und die Geschichte um eine riskante Schwarzschlachtung im ersten Weltkrieg, die meinem mährischen Großvater passiert sein soll, ist bereits in diesem Blog zu lesen. „Schwein gehabt!“ wurde außerdem in die Sammlung des Bubenreuther Literaturwettbewerbs 2016 aufgenommen.

Ebenso gibt es natürlich auch Familienlegenden um meine väterlichen Großeltern, die aus einem anderen Teil des großen Habsburger Kaiserreiches stammten, nämlich aus dem guten alten Königreich Böhmen.

Wie ich bereits an anderer Stelle erwähnte, war mein Flöhauer Großvater von Beruf Architekt, wie seit einigen Generationen alle seine männlichen Vorfahren. Während die Mühle von einem Cousin weiter geführt wurde.

Nach dem Studium in Wien und seiner Militärzeit in Innsbruck, arbeitete der spätere Großvater zuerst in einem großen Architektenbüro in Wien.

Als er dort jedoch einmal in einen fast fertigen Plan eines zerstreuten Kollegen die vergessenen Toiletten nachträglich einzeichnen sollte, fühlte er sich so tief gekränkt, dass er seine Stelle augenblicklich kündigte und die Stadt verließ.

So kam er schließlich wieder nach Böhmen zurück und lebte einige Zeit als selbständiger Architekt in Prag. Neben seinen Gebäude – Plänen, interessierte er sich dort auch sehr für Kunst und Wissenschaften, besuchte noch Vorlesungen an der Technischen Hochschule Prag und Ausstellungen, der damals bekannten Bildhauer und Maler.

Eines Tages blieb er lange vor einer besonderen Rötelzeichnung stehen, die ihn ganz mächtig faszinierte. Auf dem Bild war der sanft geneigte Kopf eines jungen Mädchens zu sehen, den ein Maler mit leichter Hand auf seinem Block so festgehalten hatte.

Immer wieder starrte der junge Architekt auf dieses Köpfchen, das ihm so gut gefiel. Diese reine,  klare Stirne, die fein gewellten Haare, die hellen Augen, der eigenwillige oder gar trotzig aussehende Zug um ihre zart geschwungenen Lippen. Sehr jung musste das Mädchen noch sein, fast ein Kind noch…

„Wollen Sie das Bild kaufen?“ erkundigte sich der Galerist, der meinen Großvater schon eine ganze Weile beobachtet hatte. „Ja,“ antwortete ihm der verzauberte Betrachter, „Wenn Sie mir sagen, wer das Bild gemalt hat und wo sich dieses Mädchen befindet!“ „Ich werde mich erkundigen!“ versprach der Verkäufer und nannte den Preis.

Einige Tage später berichtete er dem interessierten Kunden, dass der Maler aus Böhmen käme aber kürzlich verstorben sei. „Seine Witwe hat uns das Bild zum Verkauf frei gegeben.“

Die junge Dame auf dem Bild sei ein deutsches Mädchen aus der Nähe von Saaz. „Aus Saaz?“ der Architekt zuckte zusammen. „Genauer aus Flöhau, das ist ein Städtchen im Landkreis Podersam; Sie werden es kaum kennen!“

Und ob der junge Architekt das Städtchen kannte! So schnell er nur konnte, reiste er in seinen Heimatort und heiratete noch im selben Jahr das junge Mädchen, das später meine Oma wurde.

Längst sind auch diese beiden Großeltern verstorben. Ihre Ehe war nicht ganz so harmonisch, wie man es ihnen gewünscht hätte.

Aber das Bild gibt es heute noch in der Familie. Irgendjemand hatte es bei der Vertreibung aus dem Rahmen genommen, zusammengerollt und auf diese Weise gerettet.

Ob es nicht gar der Großvater selber gewesen war, der alte Architekt, der sich das Bildnis seiner Träume nicht nehmen lassen wollte?

J. A.

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