Erzählungen Reiseberichte Sonstiges

Erinnerungen – Kapitel 6

Unsere Flucht in den Westen

Zweieinhalb Jahre lebten wir nun schon in Thüringen. Unser Flöhauer Großvater war bald nach unserer Ankunft gestorben. Seine Witwe durfte im Zuge der Familienzusammenführung, zu ihrem zweiten Sohn in den Westen ausreisen. Auch Tante B. mit ihren drei Kindern konnte diese Möglichkeit nutzen. Und einige Freunde hatten die Flucht über die „Grüne Grenze“ gewählt. Für uns aber wurde es immer einsamer, nachdem zuletzt auch noch Muttis ältere Schwester mit ihrer Tochter auf abenteuerliche Weise nach Westdeutschland geflohen war.

„Sie schießen jetzt scharf an der Grenze!“, flüsterte man sich inzwischen zu. Es sind zu viele Leute, die „nach drüben machen“. Oder: „Die Grenzer hetzen ihre scharfen Hunde auf die Flüchtlinge!“ Trotzdem wagten immer wieder neue Menschen dieses gefährliche Abenteuer und mancher Bekannte verschwand aus unserem Umkreis.

Nur wir konnten nicht in den Westen fliehen, weil unser Vater, wegen seiner ungeliebten Arbeit für das neue Polizeigebäude mit den Gefängniszellen, ganz besonders überwacht wurde!

Eines Tages jedoch war auch unser Vater aus Schernberg verschwunden. Es hieß, dass er nur nach Sondershausen gefahren sei, wo er bei einer alten Dame Unterkunft genommen hätte, um besser arbeiten zu können.

Da er aber in Sondershausen nicht ankam, besuchte uns die Polizei in unserer Wohnung. Immer wieder sprachen die Beamten mit unserer Mutter, mit unseren Bekannten und mit den Nachbarn. Sie fragten auch uns Kinder aus. Doch konnten weder mein Bruder noch ich ihnen eine befriedigende Antwort geben.

Wir wunderten uns nur, dass unsere Eltern schon seit einigen Wochen immer wieder Pakete an unsere Oma nach Niederbayern geschickt hatten. Kleider, Papiere, Fotos, Spielzeug und andere Dinge. Wozu brauchte unsere Großmutter diese vielen Geschenke? Wo sie doch jetzt im Westen lebte?

Nach einigen Wochen, es war noch dunkel an diesem Morgen, packte unsere Mutti in eine kleine Umhängetasche etwas Brot, einer Flasche Milch und etwas Kakao aus dem letzten Amerika Paket. Dazwischen steckte sie wohl auch zwei Päckchen amerikanischer Zigaretten, als begehrtes Zahlungsmittel ein.

Schnell zog sie uns Kinder an und legte jedem ein silbernes Kettchen mit einem Amulett um. „Es kommt von der Oma und es soll euch beschützen!“ erklärte sie uns mit geräusperter Stimme. „Warum soll es uns beschützen?“ fragte ich verschlafen zurück. Aber da zeigte sie nur mit ihrem Finger auf den Mund und ich verstand wieder einmal, dass ich zu schweigen hatte.

Etwas später saßen wir schon in einem kalten Zugwaggon auf abgeblätterten Holzsitzen. Wir fuhren durch eine sanfte, im Morgenlicht mild verzauberte Landschaft aus duftigen Laubwäldern und mattgrünen Weiden. Einige Kühe grasten dort im frühen Dunst. Dahinter sah man spitze Kirchtürme aus geschlossenen Fachwerkdörfern ragen. Gewundene Sträßchen durchzogen die weiten Gefilde. Bis schließlich eine flache Hügelkette allmählich in höhere Berge mit Laub- und Fichtenwäldern überging.

An den einzelnen Stationen stiegen, meist arbeitsmäßig gekleidete Mitreisende aus. Einige Frauen hatten versucht, mit uns Kindern in ein Gespräch zu kommen aber mein Bruder und ich drückten uns nur ängstlich fest an unsere Mutter.

„Sie fahren zu ihrer Oma!“antwortete sie für uns. „Sie sind nur schüchtern.“ Ihre Stimme haspelte beim Sprechen.

Endlich kamen wir an dem letzten Bahnhof vor der Zonengrenze an. Hier waren wir nur noch die einzigen Fahrgäste, die aus dem Zug stiegen.

Ein Grenzort und drei fremde Leute? Zurecht befürchtete unsere Mutter, dass wir in diesem kleinen Ort sofort auffallen würden. Darum blieben wir, so lange es hell war, noch in der Nähe des Bahnhofs und stiegen erst bei Anbruch der Dunkelheit den Weg zu dem kleinen Häuschen hoch, wo eine Grenzführerin mit ihrer alten Mutter lebte.

Allerdings wollte die junge Elsa jetzt niemanden mehr über die Grenze führen! Es sei inzwischen zu gefährlich. Sie sei schon zweimal verwarnt worden. Jemand hätte der Polizei verraten, dass sie Flüchtlinge nach drüben schleusen würde.

Und gestern ist ein zwölfjähriger Junge dort oben erschossen worden! Wir sollten lieber gleich umkehren! Denn diese Schweinehunde hätten nicht einmal Hemmungen, auf Kinder zu schießen! Sie schimpfte und schrie in einem rauen thüringer Dialekt auf unsere verzweifelte Mutter ein. Selbst ihre eigene Mutter konnte sie nicht besänftigen.

Erst beim Anblick von uns Beiden, wurde sie schließlich doch noch weich und ließ sich überreden. „Na gut. Einmal werde ich‘ s noch machen!“, meinte sie, mit völlig veränderter Stimme.

Dann durften wir sogar auf ihrem breiten Sofa liegen und unsere Mutter kringelte sich in dem abgewetzten Lehnstuhl zum Schlafen zurecht. Draußen prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben.

Plötzlich klopfte es laut und heftig an die Haustüre und man hörte Männerstimmen rufen! „Aufmachen! Aufmachen, Grenzpolizei!“

Meine Mutter fuhr erschrocken aus dem Sessel hoch. Wir Kinder begriffen zuerst gar nicht, was diese Aufregung bedeutete. Wir hatten tief geschlafen.

Aber schon waren die blonde Elsa und ihre Mutter, beide im Nachthemd, bei uns im Zimmer. „Schnell, schnell, da sind fünf Grenzer! Jemand muss euch verraten haben. Steigt nur geschwind durch diese Luke.“ Die Alte leuchtete mit einer Taschenlampe in einen angebauten Heustadel hinunter. „Und lasst euch drüben einfach hinab fallen! Aber deckt euch noch mit Heu zu. Falls sie in die Scheune leuchten!“

Wir Kinder waren danach wohl bald wieder in dem dichten Heu eingeschlafen, während unsere Mutter vor Angst und Kälte zitternd, daneben wachte. Drüben hörte sie das Getrampel der Stiefel von den Grenzsoldaten und die schrille Stimme der keifenden Elsa.

Gegen morgen konnte sie die Kälte kaum noch ertragen, währen wir Kinder mit zwei jungen Kätzchen in dem Heu verstecken spielten. Gegen 9 Uhr holte uns die junge Frau wieder aus dem Heustadel ab.

Auf dem Weg durch den ansteigenden Laubwald erklärte sie uns später, wie wir vorzugehen hatten. Sie nahm dabei meinen kleinen Bruder an die Hand und half meiner immer noch aufgeregten Mutter, die Tasche zu tragen. Wir wanderten etwa 1 ½ Stunden. Dann blieb sie vor einem ansteigenden Waldweg stehen :

„Die Soldaten werden jeden Tag um 11 Uhr abgelöst. Um dreiviertel 11 gehen sie bereits ihrer Ablösung entgegen. In diesen 15 Minuten müsst Ihr es über dem Berg schaffen! Dort drüben, wo die freie Stelle im Wald ist, beginnt der Westen.“

Sie deutete noch auf einen Strauch in halber Höhe. „Bis dorthin solltet Ihr jetzt kriechen. Dort könnt ihr euch auf den Bauch legen und die Soldaten beobachten. Es sind von diesem Punkt aus nur noch 10 Minuten.“

Auf allen Vieren krochen wir nun auf das Gestrüpp zu und lagen ganz flach unter den niedrigen Büschen. Wir sahen die beiden Grenzsoldaten, wie sie mit ihren Feldstechern rund um sich hin- und her blickten und sogar eine Weile auf unserem Versteck verharrten. Dann gingen sie weiter.

Auf einmal bemerkten wir zu unserem Schrecken, dass die Ablösung doch schon früher kam und dass die neuen Soldaten zwei Schäferhunde mit sich führten.

„Oh Gott, stöhnte unsere Mutter. Sie haben Hunde!“

Die Grenzpolizisten standen sich jetzt gegenüber. Was würde weiter geschehen? Wir hatten keine 15 Minuten Zeit, wie die Elsa gedacht hatte! Und vor den Hunden konnte man sich sowieso nicht verstecken!

Doch dann passierte das Wunder, dass die neuen Grenzer die Hunde nicht mit auf ihre Patrouille nahmen, sondern sie ihren Vorgängern übergaben!

Wobei sich alle Vier noch eine Weile besprachen. Gerade so lang, dass wir aus unserem Versteck los kriechen konnten, um ungesehen den nächst oberen Busch zu erreichen. Hier warteten wir, bis die neuen Wachen an uns vorüber waren und uns den Rücken zuwandten. Um sodann wieder auf allen Vieren auch das nächste Ziel zu erreichen. So ging es weiter über den Hang hinauf, bis zu einem jungen Fichtenwald.

Hier dachten wir, endlich im Westen zu sein und krochen unter den niedrigen Zweigen hervor.

Ein Bauer pflügte dort gerade mit einem Pferd seinen Acker.

„Wo kommen Sie denn her?“ rief er und riss die Augen auf.

Mit feuchter Walderde verkleistert, boten wir sicher einen ungewöhnlichen Anblick…

„Nein, nein, hier ist auch nicht der Westen!“ klärte er uns dann auf.

„Das Holzhaus dort drüben gehört der russischen Wache. Die sind nur gerade auf Kontrollgang.

Laufen Sie, so schnell Sie können weiter! Gleich hinter der grünen Hecke ist schon der Grenzschranken!“

J. A.

2 Kommentare

  1. Wirklich unglaublich, dass man so etwas mit kleinen Kindern schafft!
    Ich hätte mir so etwas nicht zugetraut…

    • Meine Eltern sahen die Flucht über die Grüne Grenze wahrscheinlich noch als letzten Teil
      der Vertreibung an. Außerdem wurde unserer Mutter erst während der ganzen Aktion klar, wie
      gefährlich es wirklich war. Aber vielen Dank für diese einfühlsamen Gedanken!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.