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Erinnerungen – Kapitel 10

Unsere neue, alte Heimat.

Wenn man sich Winden wie einen Ausläufer von Flöhau vorstellen wollte, dann könnte man sich auch die Siedlung Pentenried als einen kleinen Ableger seiner ehemaligen Heimat denken.

Denn in diesem neuen Ort, mit seinen hell verputzen Steildach Häusern lebte auch noch ein Stück der verlorenen Heimat weiter. Hinter Stachetenzäunen, konnte man plötzlich irgendwoher die vertraute Mundart eines Saazers hören. Oder man vernahm den Dialekt plaudernder Egerländer mitten im Ort. Beim Abschied wurden wir von einer Frau aus dem Altvatergebirge immer mit dem Satz „Kummt och wieda!“ gegrüßt. Und aus einem Garten, wo morgens noch der Hahn krähte, schallte der Ruf einer besorgten Oma mit ostpreußischem Akzent, der immer wieder: „Hennerich!“ schrie. (Womit sie nicht den Hahn, sondern ihren Enkel „Henry“ meinte.)

Pentenried war ein besonderer Ort! Nicht nur, dass sich alle Einwohner kannten und sich beim Hausbau halfen. Auch, wenn einem Siedler vielleicht am Monatsende das Geld ausgegangen war und er unerwartet Besuch empfing, half man ihm aus…Oder man tauschte gebrauchte Kinderkleidung und altes Spielzeug, ja sogar Schulranzen und Setzkästen unter einander.

Im Laden kauften die Hausfrauen noch „griffiges Mehl“ für die böhmischen Knödel und verlangten statt Bohnen „Fisolen“ und statt Johannisbeeren „Ribisln“. Und beim Metzger mass man noch die Wurst oder das „Geselchte“ in „Deka-Gramm“.

Selbst das Jahr wurde in Pentenried, mit seinen ganzen Festen und Feiertagen noch böhmisch oder gar habsburgisch begangen. So wie der Januar bei uns noch „Jänner“ hieß und der Februar „Feber“.

Im neuen „Singkreis“ sang man gerne böhmische Lieder. Und unsere Eltern führten mit den Kindern des Ortes Adalbert Stifters „Bergkristall“ oder Geschichten von Hans Watzlik auf.

Wenn am Sonntag im Saal des Gasthofs von Herrn Goller, der aus Karlsbad kam, die Sonntagsmesse gefeiert wurde, spielte der alte Herr Biehlohlawek das Harmonium. Früher soll er einmal bei den Prager Symphonikern Violine gespielt haben. Jetzt konnte man ihn bei jeder Festlichkeit als Musiker erleben. Und die Kinder des Ortes genossen seinen strengen aber erfolgreichen Unterricht.

Man hätte sich in dieser neuen Siedlung sehr glücklich fühlen können, wenn man nicht wieder ohne Arbeit gewesen wäre! Denn nach nur wenigen Monaten, in denen unser Vati endlich eine feste Arbeitsstelle hatte, wurde das Auswanderungslager in München Freimann endgültig geschlossen. Das war ein tiefer Schlag für unseren Vater, der inzwischen 50 Jahre alt war! Und der sich nun wieder ganz von vorne um eine neue Stelle bemühen und viele Bewerbungen schreiben musste.

J. A.

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