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Erinnerungen – Kapitel 15

Lehrjahre am Gutshof

Ungefähr fünf Jahre lang haben wir auf diesem Gutshof gewohnt. Als Kinder sind wir hin gezogen, als Teenager kehrten wir wieder in die Siedlung zurück.

Diesmal fiel uns der Umzug leicht, weil er uns nicht nur in den bekannten Ort führte, sondern auch in unser neu erbautes Elternhaus. Aber darauf werde ich sicher noch zurück kommen…

Niemals jedoch würde ich auf meine Zeit in der alten Villa verzichten wollen! Sie gehörte zu den Lehrjahren meiner Kindheit. Auch wenn die Schule jetzt mehr Hausaufgaben forderte, so konnten wir doch auch spielen. Wir durften unsere Bücherhelden in diesem riesigen Gelände noch weiter leben lassen. Am liebsten spielten wir Höhlenkinder oder rannten als Rote Zora-Bande vor gespielten Polizisten davon. Wir wuchsen mit dem Dschungelkind Mogli auf und ritten als Winnetou und seine Apachen johlend durch den Park. Und wir tobten in den Scheunen und Ställen, kletterten auf Bäume oder krochen durch die alte Tuja-Hecke am Zaun. Wenn wir von unseren Spielen müde waren, verkrochen wir uns wieder in die große Wohnung, um neue Bücher zu verschlingen. Nachts kam unser Vater oft ins Zimmer, um das Licht auszuknipsen. So dass man mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke weiter lesen musste…

Mit den größeren Kindern im Haus, hatten wir inzwischen auch etwas Freundschaft geschlossen.

Doch meistens spielten wir jetzt mit den Kindern der Brennerei-Arbeiter, die im allerletzten Haus wohnten. Dort gab es auch in jedem Winter eine wunderschöne Krippe mit Schafen und Engeln, mit Ochs und Esel und mit dem ganzen Hofstaat der heiligen drei Könige. Über dem Stall hing ein beleuchteter Stern und vor dem Eingang war ein Zieh- Brunnen zu sehen, der von innen bestrahlt wurde. Maria und Josef knieten vor einer Krippe, die mit echtem Heu belegt war. Für uns Kinder war das Betrachten dieser Krippe immer ein Erlebnis.

Boarisch kenna lerna

Es geschah aber noch etwas in diesen Jahren, in denen wir Älteren zu Teenagern gewachsen waren und unser jüngerer Bruder zum gut gelaunten und allseits beliebten Spielkameraden. In dieser Zeit lernte ich die bayerische Mundart zu verstehen; denn damals sprachen nur alle Gutskinder den Dialekt.

 

Außerdem lernte ich am Gutshof Menschen aus dem unterschiedlichsten Millieu kennen. Ich erfuhr ihre Sorgen und Wünsche, ihre Gedanken und ihren Geschmack. Auch lernte ich, ihr Verhalten in bestimmten Situationen einzuschätzen. Ich merkte, wo man vorsichtig sein musste, wie man helfen konnte, wo sie verletzlich waren und wann man sich besser zurück hielt.

Solche frühen Erfahrungen, sollten mir später auch im Umgang mit meinen Patienten von unschätzbarem Wert sein.

Eisstockschießen

Allerdings kamen mir die Menschen vom Gutshof in dieser Zeit nicht wie eine gewachsene Dorfgemeinschaft vor. Sondern viel eher wie eine zusammengewürfelte Gruppe aus Einzelfamilien. Sie stammten ja nicht nur aus verschiedenen Gegenden, sondern brachten auch eine völlig unterschiedliche Sozialisierung mit.

Es gab gut ausgebildete Landwirte, meist aus dem Egerland. Es gab die angelernten bayerischen Arbeiter von der Schnapsfabrik. Dann lebte auch ein Schmiedemeister mit seiner Familie auf dem Gutshof. Sowie ein akademischer Gärtner aus Ostpreußen. Und mittendrin die kinderreichen Patch-Work-Familien, deren Mütter als Putzfrauen ihr Geld verdienten.

Politisch gesehen, wählten einige der Bewohner wohl noch den BHE*, den mein Vater in Pentenried gegründet hatte. Andere standen der Bayernpartei nahe. Die Landwirte wählten die CSU und die restlichen Einwohner vermutlich die Kommunisten.

Das Einzige, was diese unterschiedlichen Menschen damals vereinte, war im Winter das Eisstockschießen, das immer vor der Scheune der Familie Sommer stattfand. Wo man eine glatte Fläche durch ein sorgfältiges Kehren und – ich glaube auch mit etwas Wasser – in eine längliche Eisbahn verwandelte. Um auf dieser rutschigen Schicht seinen schweren, runden, Spitzhut-förmigen Holzkegel in die Nähe eines Klötzchens tschundern zu lassen. Wobei man sich mit kräftigen Ausrufen anzufeuern versuchte.

An solchen klaren Wintertagen gab es am ganzen Gutshof weder Bayern noch Flüchtlinge, weder Bauern noch Arbeiter, weder Arme noch besser-Gestellte, sondern einfach nur lachende, fluchende aber immer begeisterte Gutsleute.

J. A.

* Der BHE war die Partei der Vertriebenen. (wörtlich : Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten)

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