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Zweiter Nachtrag zu meinen Lebenserinnerungen

Muttis Versprechen

Peter Härtling schildert in mehreren seiner Werke die Vertreibung der Familie im Güterwaggon von Südmähren bis nach Zwettl.

Auch die mährische Familie meiner Mutter muss in einem dieser Transporte gehockt haben. Nur, dass sie das Schicksal noch ein Stück weiter, von Zöptau bis nach Passau getrieben hat.

Und, wie viele ältere oder geschwächte Menschen damals, so überlebte auch mein Zöptauer Großvater die Vertreibung nicht lange. Dass nach dem Flöhauer Großvater nun auch unser Zöptauer Opa gestorben war, konnten wir Kinder schwer begreifen.

Aber es passierte so viel in diesen Kindertagen, was man nicht begreifen konnte. So dass wir auch diese zweite Trauer in einer gewissen Stummheit

über uns ergehen ließen.

Hand in Hand trippelten wir neben unseren Cousinen Monika und Lieschen und dem älteren Vetter Heinz, auf dem Passauer Friedhof hinter dem nächsten Sarg her. Genau zwischen dem Pfarrer und den weinenden Frauen, bis zum neuen Grab hinauf.

Nur zu dritt waren wir zu der Beerdigung nach Passau gekommen, unsere Mutti, mein älterer Bruder und ich. Während unser Vati in Pentenried bleiben sollte, um unseren kleinen Bruder zu hüten. Auch unsere Hauswirtin, die Frau Schuldes, wollte ihm dabei helfen. Genau kann ich mich aber nicht mehr an diese Vereinbarung erinnern.

Ich erinnere mich dagegen noch an unsere aufgeregte Großmutter, so klein und dünn war sie geworden. Mit vielen Falten in ihrem sonst meist lachenden, lieben Gesicht. Immer wieder schloss sie uns Kinder in ihre Arme. Sie wollte uns trösten und wir sollten ihr Trost geben…

Doch bald kam noch eine weitere Aufregung auf sie zu

Nach der Beerdigung unseres Großvaters, konnten wir nicht gleich nach Hause reisen. Es gab noch etwas auf einem Amt für meine Mutter zu erledigen.

Da die Hitze groß war, schlugen die Verwandten vor, dass unsere Oma mit uns Kindern an die Ilz gehen sollte. Damit wir dort ein Wenig im kühlen Wasser waten konnten, bis unsere Mutter kam.

Wie ja bekannt, liegt Passau an drei Flüssen. An der gemächlich breiten Donau, am reißenden, grünen Inn und an der kleinen, moorgen Ilz, wo die Kinder im Sommer noch baden konnten.

So plantschten wir an diesem Nachmittag in dem flachen Wasser. Während unsere Großmutter in ihrer schwarzen Trauerkleidung auf einer Decke saß und uns von dort aus zusah.

Auf der nahen Landstraße rasten derweil die Autos vorüber. Es war wohl schon der Feierabendverkehr. Doch wir kümmerten uns nicht darum, sondern suchten nach Steinchen und Muscheln. Bis wir plötzlich einen erschrockenen Ausruf aus der Gruppe der Ufergäste vernahmen. „Der Laster verliert seine Ladung!“

Im nächsten Augenblick rannten auch schon mehrere Leute auf die Straße zu. Denn zwei Radfahrer, die gerade neben diesem Holztransporter gefahren waren, schienen von einem herabrollenden Holzstamm getroffen worden zu sein. Der eine Radfahrer stand gleich wieder auf aber der andere blieb neben dem Fahrrad auf der Straße liegen. Der Verkehr staute sich dahinter und davor. Ein paar Leute kamen zurück und berichteten, was passiert war.

„Um Gottes Willen, das ist ja unsere Hansi!“ schrie da die Oma auf. „Ist sie verletzt? Ist sie tot?“ Sie übergab uns hastig einer anderen Frau und flog, so schnell sie nur konnte, zu der Unglücksstelle hin.

Und ich fühlte in diesem Moment ein starkes Frösteln, bis in die klappernden Zähne hinauf.

Denn es war wirklich unsere Mutter, die dort auf der Straße lag! Sie hatte sich zuvor ein Fahrrad ausgeliehen, damit sie uns schneller abholen könne.

Ein Krankenwagen kam mit Blaulicht gefahren. Und Polizisten befragten die Umstehenden. Unsere Mutter wurde inzwischen in das Passauer Krankenhaus gebracht. Sie hatte Glück gehabt! Der schwere Balken hatte sie beim Herunterrollen nur gestreift und vom Fahrrad gerissen. Außer starken Prellungen und Schürfwunden war es nur der Schock, der zu behandeln war.

Nach diesem Erlebnis konnte ich wochenlang schlecht einschlafen. Es war wohl zu viel gewesen, zuerst das Begräbnis des Großvaters und dann der Unfall unserer Mutter. Irgendwie war mir auf einmal klar geworden, dass nicht nur alte Menschen sterben können, sondern auch die eigenen Eltern.

Einmal, als ich auch wieder nicht schlafen konnte, kam meine Mutter ins Zimmer, um uns noch einmal zu zudecken. Mit der Hand fuhr sie mir dabei leicht über das Gesicht.

„Du hast ja ein ganz nasses Gesicht!“ flüsterte sie. „Hast du geweint?“

„Ich kann nicht einschlafen“, antwortete ich.

„Und warum kannst du nicht schlafen? Bedrückt dich etwas?“

„Ich habe Angst, dass du auch stirbst!“ gabe ich stockend zur Antwort. „Aber warum sollte ich denn sterben? Ich bin doch ganz gesund. Mir geht es gut!“

„Der Balken hätte dich fast getötet! “

Sie beugte sich zu mir herunter und drückte mich zärtlich an sich.

„Versprich mir, dass du niemals sterben wirst!“

Meine Mutter lachte… „Erst mit hundert Jahren!“

„Schwör es!“ verlangte ich.

„Ich schwöre…“

Seit diesem Versprechen konnte ich endlich wieder schlafen.

J. A.

P. S.

Kurz vor Vollendung ihres 103. Lebensjahres ist unsere Mutti am 13. März 2018 gestorben. Geliebt und von allen betrauert, die sie gekannt haben. Der bereits angekündigte 3. Nachtrag fällt erst einmal aus. Ich bitte um Verständnis.

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