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Die Kindheit unserer Ur-Großeltern im Spiegel von Kinderliedern und Versen

Gedanken

Manchmal habe ich mich gefragt, warum es mich immer etwas melancholisch stimmt, wenn ich durch ein Spielzeug-Museum schlendere.

Man sieht dort die alten Puppen, mit ihren großen Augen und Porzellanköpfen in einer Vitrine stehen und die selbst genähten, abgewetzten Lieblings-Schlaftiere der Kinder von damals. Vielleicht noch ein paar flattrige Marionetten über abgegriffenen Kinderbüchern hängen. Auch fein gezimmerte Puppenstuben sind zu bewundern. Ja ganze Puppenhäuser mit ihren winzig kleinen Schlafzimmern, mit rundem Wohnzimmertischlein, Kinderwiege und Kanapee. Mit Schränkchen wohl, die man vorsichtig öffnen kann und mit verblichenen Polstergarnituren vor nachgebauten Kachelöfen. Oft steht auch noch eine kleine Kredenz neben dem emaillierten Küchen-Herd mit Koch-Ringen und Backröhre.

In meiner Fantasie sehe ich dann wohl unsere böhmische Großmutter als kleines Mädchen, im langen Rüschenkleid und mit Stopsellocken, konzentriert vor so einem edlen Puppenhaus hocken, um völlig hingebungsvoll darin zu spielen.

Während sich unsere mährische Großmutter damals vielleicht nur eine selbstgebastelte Puppenstube mit ihren beiden Schwestern teilen konnte. Denn ihre Familie gehörte nicht zu der wohlhabenden Bevölkerungs-Schicht im alten Kaiserreich.

Für die Buben gab es natürlich zu dieser Zeit ganz andere Spielsachen: Ein buntes Steckenpferd wohl – oder gar ein wertvolles, geschnitztes Schaukelpferd mit echter Haarmähne! Den bunt gestreiften Kreisel aus Holz, einen Reifen, eine Blech-Trompete und manchmal sogar eine kleine Uniform mit einem hölzernen Säbel an der Seite oder auch einen„Flitzebogen“ mit Pfeilen. Eine Puppenstube durfte sich ein kleiner Junge im 19. Jahrhundert niemals wünschen…

Unterschiedlich fielen aber nicht nur die Spielsachen für Mädchen und Jungen aus, sondern, wie ich bereits erwähnte, auch das Spielzeug für die Kinder aus den verschiedenen sozialen Schichten.

Doch nicht über das Spielzeug möchte ich hier schreiben, sondern über die vielen kleinen, einfachen Lieder und Verslein, die schon vor mehr als hundert Jahren in armen und in reichen Familien gleichermaßen mit kleinen Kindern gesprochen und gesungen wurden.

Einige Beispiele darf ich dazu aus dem Gedächtnis angeben. Manche Texte werden nicht ganz vollständig sein.

Das erste Lied ist auch heute noch gut bekannt und bei kleinen Kindern beliebt.

Man nimmt dazu das Kind auf den Schoss und läßt es bei dem Text im Rhythmus vorsichtig hüpfen, bis man es bei dem Wort plumps schnell scheinbar fallen lässt. Alle Kinder juchzen bei diesem kleinen Schrecken auf – und haben große Freude, dass doch nichts passiert ist.

Hoppe hoppe Reiter,
wenn er fällt, dann
schreit er.
Fällt er in den Graben,
fressen ihn die Raben.
Fällt er in den Sumpf,
dann macht der Reiter
plumps!

So reiten die Herren,
so reiten die Damen,
sie reitet der Bauer
durchs Tor hinaus…

Ho – ho – ho –
plumps!

Ähnlich erging es den kleinen Kindern auch bei diesem Liedchen.

Ri-ra-rutsch,
wir fahren mit der Kutsch
und wenn das große Wasser kommt,
dann kehrn wir wieder um.
Plumps.

Ein anderes Lied führte man, wohl vor dem ersten Weltkrieg, mit kleinen Jungen auf. Was mir immer schon wie ein „Werber-Lied“ für das Militär vorkam.

Wer will unter die Soldaten?
Der muss haben ein Gewehr,
der muss haben ein Gewehr,
das muss er mit Pulver laden
und mit einer Kugel schwer.
Hopp hopp hopp
hopp hopp hopp
Immer weiter im Galopp,
immer weiter im Galopp.

Während den Mädchen eine ganz andere Rolle zugedacht war. (Welche die meisten kleinen Puppenmütter damals allerdings auch gerne übernahmen.)

Ach lieber Doktor Pillemann,
sehn sie sich doch mein Püppchen an!
Drei Tage hat es nichts gegessen,
hat immer nur still da gesessen.
Ach lieber Doktor, sagt mir ehrlich,
ist diese Krankheit sehr gefährlich?

Madame, sie ängstigen sich noch krank!
Der Puls geht ruhig!

Na, Gottseidank!

Sie darf nicht stehen und nicht sitzen,
sie muss ins Bett und tüchtig schwitzen!
Geben Sie ihr fünf Kiebitzeier ein,
dann wird es morgen besser sein!
Empfehle mich!

Außerdem gab es noch Lieder, die jedes Kind im alten k u. k Reich schon in der ersten Klasse lernte.

Der Kaiser ist ein braver Mann, er lebt im schönen Wien.
Und wär es nicht so weit entfernt, so ging ich heut noch hin.

Die Melodie ist die gleiche, wie aus dem Lied „Üb immer treu und Redlichkeit!“ oder „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus der Zauberflöte. (Ein Scherz von Mozart wohl?)

Sehr gerne sang man in der Schule auch ein Lied, das den Text aus Schillers Wilhelm Tell nahm.

Mit dem Pfeil, dem Bogen
Durch Gebirg und Tal,
Kommt der Schütz gezogen
Früh im Morgenstrahl.
Tralala, lalala, lalala,
tralala, lalala, lala.

Ihm gehört das Weite,
Was sein Pfeil erreicht,
Das ist seine Beute,
Was da kreucht und fleucht.
Tralala, lalala, lalala,
talala, lalala, lala.

Es ist nicht schwer, das Lebensgefühl aber auch die Pädagogik jener fernen Zeit aus diesen kleinen Verschen – und Liedern zu erkennen.

J. A.

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