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Noch eine alte Liebesgeschichte (Teil 2)

Wie schon bekannt, stammt mein Großvater aus Zöptau, dem kleinen Luftkurort vom Fuße des Altvatergebirges.

Sein Vater war der Schmied im Ort, sein Bruder der Fleischermeister, einer der Brüder besaß den Kaufladen, ein weiterer Bruder den Erbrichterhof. So wird es wohl selbstverständlich gewesen sein, dass auch der junge Gustav, der vielleicht lieber Musiker geworden wäre, ein Handwerk erlernte. Er entschied sich für das Bäckerhandwerk und wanderte, wie es damals für junge Handwerksburschen üblich war, über Mährisch Schönberg und Olmütz bis nach Wien, wo er nach einigen Gesellenjahren den Meisterbrief erwarb.

Unsere Großmutter dagegen, kam aus einer etwas unübersichtlicheren Familie…

Ihr Vater war nämlich erst als junger Mann mit seiner Mutter nach Zöptau gekommen. Und sie sprachen beide nicht deutsch. Vermutlich stammten sie aus einem der tschechischen Gebiete, nördlich von Brünn. Oder aus der Slowakei oder gar aus Ungarn oder Ruthenien? Niemand wusste es genau. Denn das k. und k. Reich bestand ja aus vielen einzelnen Ländern und Völkern und nicht jeder verstand die Sprache des anderen.

Der junge Fyryt arbeitete in den Zöptauer Eisenwerken der Gebrüder Klein und brachte es dort bis zum Werkmeister. Es gibt ein Foto, auf dem er stolz in einer dunklen Uniform, die wie eine Bergmanns Uniform aussieht, neben seiner einheimischen Frau und den drei niedlichen Töchtern zu sehen ist.

Wie meine Großmutter immer beteuerte, sollen ihre Eltern eine harmonische Ehe geführt haben. Sie hätten sich niemals gestritten! Vielleicht, weil sie einander gar nicht verstehen konnten? Dabei lachte sie jedes Mal und zwinkerte mit ihren verschmitzten Augen.

Trotz dieses angenehmen Familienlebens, zog es die Mädchen gleich nach der Schule von zuhause fort. Die große Schwester ging zuerst nach Wien „in Stellung“, wie man damals sagte. Die beiden jüngeren Mädchen folgten ihr bald nach.

So landete meine, noch völlig kindlich aussehende, Großmutter schon mit 14 Jahren als Kindermädchen in einer gut situierten jüdischen Familie bei zwei kleinen Schützlingen, die genauso groß waren wie das junge Mädchen. Die Dame des Hauses lachte nur, als sie das neue Kinder-Mädchen sah: „Du bist doch selber noch ein Kindele“, rief sie und nahm die Kleine in die Arme.

Nun wuchs die junge Hanni wie ein drittes Kind in dieser Wiener Familie auf. Dabei lernte sie nicht nur koscher zu kochen, sondern konnte alles, was Kinder im behüteten Elternhaus lernen, auch mitmachen. Als die beiden Kinder später in ein Internat kamen, führte meine Großmutter ihren Eltern den Haushalt. Und ganz selten nur besuchte sie ihr eigenes Elternhaus.

Erst als die große Schwester einen jungen Förster heiratete, sah sie ihre alte Heimat wieder. Sie sollte, neben ihrer jüngeren Schwester, eine der Brautjungfern sein.

Aber nicht nur ihre Verwandten und die alten Schulfreundinnen waren zu dieser Hochzeit geladen, sondern auch die ganze Nachbarschaft. Denn die Brautleute wollten zugleich Abschied von dem Ort nehmen, bevor das unternehmungslustige Paar nach Bosnien zog, wo eine Försterei frei geworden war.

So kam es, dass auch der neue Bäckermeister aus Wien zu der Hochzeit eingeladen wurde, wo er zum ersten Mal das feine Wiener Fräulen, wie er glaubte, die zierliche junge Hanni sah.

Wie meine Mutter erzählte, wagte er jedoch nicht, sich dieser hübschen Brautjungfer zu nähern, sondern schrieb ihr einen heftigen Liebesbrief. Und, nachdem er glaubte, dass so ein engelhaftes Geschöpf die Blumen vor dem Fenster täglich gießen würde, steckte er sein Brieflein heimlich zwischen die blühenden Stengel.

Ungeduldig wartete er nun auf Rückmeldung, während ein Tag nach dem anderen verging und nichts passierte. Denn leider machte sich die junge Frau nicht viel aus Blumenpflege und ließ lieber ihre Mutter gießen.

So dass schließlich die Mutter das völlig durchweichte, zärtliche Brieflein fand!

Was dann passierte, kann ich leider nur erraten. Immerhin gab es im folgenden Jahr schon wieder eine Hochzeit in der Familie und eine Neueröffnung einer Zöptauer Bäckerei mit Wiener Spezialitäten.

Sowie eine glückliche Ehe.

J. A.

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