Erzählungen

Schwein gehabt!

Beim Niederschreiben dieser Geschichte, die in unserer Familie gerne erzählt wurde, kommen mir jetzt Zweifel, ob mein Großvater das Abenteuer tatsächlich selber erlebt hat. Im ersten Weltkrieg soll es passiert sein, irgendwo in Ungarn, wo das Land so flach ist, dass man schon von Weitem sehen kann, wenn ein Wanderer kommt oder eine Pferdekutsche sich nähert oder gar eine Gruppe von grün-befrackten Gendarmen…

Die fünf Soldaten hatten seit Tagen nichts Richtiges mehr gegessen. Junge Burschen, die eigentlich längst daheim sein wollten. Aber der Krieg zog sich hin, obwohl er schon verloren war. Und nun wurden die armen Kerle in diesem abgelegenen Dorf bei einer magiarischen Bauernfamilie einquartiert: Im allerletzten Haus an einer schnurgeraden, staubigen Landstraße. Den Hof dominierte ein Misthaufen, der in einer Pfütze von schillernder Jauche lag. Ringsum scharrten die mageren Hühner. Und unter dem blassblauen Himmel jagten die Schwalben in weiten Bögen dahin, während winzige Mücken die verschwitzten Stirnen der Menschen umsurrten. Aber diese störten die jungen Männer an jenem hellen Julitag nicht; denn die Aussicht auf ein saftiges Stück Fleisch und eine kräftige Wurstbrühe, hatte die hungrigen Burschen sehr fröhlich gestimmt. Angeregt debattierend standen sie rund um den großen Wäschekessel, den die Bäuerin mit dürrem Birkenreisig geheizt hatte, um später in der kochenden Brühe das frische Fleisch und die Würste zu sieden.

Das Feuer bullerte bereits im Ofen und das heiße Wasser begann schon zu wallen. Aber noch hing das geschlachtete Schwein an dem Haken vor der Tenne, damit es die kundigen Hände des Bauern gleich weiter verarbeiten konnten. Auch die Gewürze hatte man sich bereit gelegt: Pfeffer, Majoran, Beifuß und einen großen Teller mit zerhackten Knoblauchzehen. Nur das Salz wollte die Bäuerin noch eben aus dem Hause holen…

In diesem Augenblick kam der große Sohn der Bauern völlig atemlos von seinem Aussichtsplatz am Dach herunter gesprungen. Er konnte kaum sprechen vor Aufregung: Drei Reiter hätte er auf der Straße gesehen! Die kämen gerade auf den Hof zu und sähen wie Gendarmen aus!

„Das ist das Ende!“ schoß es den erschrockenen Soldaten durch die Glieder; denn das private Schlachten war zu jener Zeit bei höchster Strafe verboten! „Sie werden das Schwein sehen und uns alle verhaften!“ jammerten sie aufgeregt durcheinander.

Aber der Bauer kratzte sich nur mit seiner schwieligen Hand am Kopf und nickte dann seiner Frau zu. Die war schon zu ihrer Wäschewiese gerannt: Schnell die halbtrockene Wäsche von der Leine gerissen und in den heißen Waschtrog geworfen! Während der Mann noch in größter Eile das Schwein vom Haken schnitt, um es mit Hilfe seiner beiden Söhne in eine alte Uniformjacke zu zwängen. „Schnell, schnell! Glotzt nicht herum, helft mit!“

Gemeinsam schleppten die Männer nun das angekleidete Tier zu dem kleinen Aborthaus hinüber, das aus groben Brettern gezimmert stand. Vorsichtig setzten sie das Schwein auf das ausgesägte Sitzbrett und stülpten ihm eine zerschossene Soldatenmütze über den Kopf. Dann versuchten sie die verzogene Tür zu schließen, was nicht ganz gelang. Unterdessen hatten Frau und Töchter schon mehrere Gabeln Mist über die Spuren des Schlachtens am Boden verteilt.

Da hörte man auch schon den Hufschlag der Pferde durch das Hoftor klappern. Die Gendarmen sahen mit angewiderten Blicken auf den stinkenden Platz mit den leise bibbernden Leuten herab. Unschlüssig ließen sie ihre Pferde erst einmal um sich selber kreisen. Dann winkte der Übergeordnete den beiden anderen, sich im Hofe umzusehen. Die Reiter stiegen von ihren Pferden und staksten mit vorsichtigen Schritten über die glitschigen Mistflächen. Sie schnüffelten in den finsteren Stall, guckten in die halbleere Scheune, sahen in den Keller, auf den Boden und rührten schließlich mit einem langen Holzstock in der heißen Waschbrühe herum, ob da wirklich nur Wäsche drin sei. Schließlich wollten sie schon wieder kopfschüttelnd umkehren, als dem einen der Herren noch die schlecht angelehnte Tür des Abortes auffiel.

Zielstrebig schritt er auf das bewusste Häusl zu, während sich die Gesichter der Hofbewohner vor Angst ins Grünliche verfärbten.

Wie im Traume sah mein Großvater dann, wie der stramme Offizier vor dem windschiefen Häuschen stehen blieb und angeekelt durch den offenen Türspalt spähte, während er mit lauter Stimme brüllte: „Sie Saukerl! Könnens net beim Scheißn s Türl zumachen?“ Und mit einem wütenden Tritt seines harten Stiefels schloss er, laut krachend, die widerspenstige Tür.

Später wurde das Schwein wieder gewaschen. Und das gekochte Wellfleisch und die Würste sollen allen geschmeckt haben. So erzählte mein Großvater.

J. A.

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