Reiseberichte

Reise nach Polen

Tagebuchnotizen

Donnerstag

Bei Görlitz fahren wir bei strahlendem Wetter über die kaum zu bemerkende Grenze und erreichen gegen 19 Uhr Jelina Gora (Hirschberg). Nur wenig sehen wir an diesem Tag von dieser kleinen Stadt, denn unser Hotel steht einige Kilometer weiter in Stonsdorf (heute Staniszow), im Hirschberger Tal. Es ist ein schön restauriertes Schloss mit fein gebürsteten Kieswegen, umgeben von einem prächtigen Park mit uralten Buchen, Eichen und edlen Nadelbäumen, die sich in mehreren in einander übergehenden Teichen spiegeln.

Freitag

Der Himmel ist heute bedeckt, ab und zu regnet es. Wir fahren mit dem Bus durch fruchtbare Landschaft mit Roggen und Weizenfeldern. In Grüssau (Kreszow) sehen wir uns ein ehemaliges Benediktinerkloster an, das später von Zisterziensern übernommen worden ist. Heute leben hier nur noch einige ukrainische Nonnen. Die Anlage wirkt wie eine Welt für sich und ist geteilt in die schlichtere und kleinere St. Josephskirche, die seinerzeit für das Volk erbaut worden war und die prächtig überladene barocke Marienkirche, mit Fresken von Michael Willmann nach Plänen von Prokov.

Überall fallen uns vor den Kirchen die hellen Papstbilder, Denkmäler oder Reliefs auf, die auf einen Besuch des polnischen Papstes Johannes Paul hinweisen. Johannes Paul scheint in Polen bereits heilig gesprochen zu sein! Mittags sitzen wir in Hirschberg, einem etwas verschlafen wirkenden Städtchen, mit einer erstaunlich schönen Innenstadt und mit Laubengängen. Und am Abend besuchen wir noch die kleine hölzerne Wang Kirche in Krumhübel.

Samstag

Das Wetter ist warm, wolkig. Um 9 Uhr fahren wir nach Schweidnitz (Swidnicy), wo wir uns zuerst die große hölzerne evangelische Friedenskirche (UNESCO-Kulturdenkmal) ansehen. Überall sind hier Kabel verlegt, eine Orchesterbühne ist aufgebaut, das polnische Fernsehen will am Abend aus dieser Kirche ein Bach-Konzert übertragen.

Wir fahren weiter nach Kreisau (Kryzowa) zu dem ehemaligen Familiengut des Grafen Helmut J. v. Moltke. Hier trafen sich damals in unauffälliger Umgebung die Widerstandskämpfer gegen Hitler, Mitglieder des „Kreisauer Kreises“. Heute ist die ganze Anlage eine gepflegte Begegnungsstätte für Jugendgruppen und dient der europäischen Verständigung.

Weiter geht die Fahrt über Kamienc (Schinkel Schloss) nach Oppeln (Opole). Nach dem Abendessen schlendern wir ein wenig durch die belebte Innenstadt. Viele Menschen sind hier noch unterwegs, drängen sich um einige junge Musiker, sitzen in den Lauben oder flanieren wie wir durch die Stadt. Vor dem historischen Rathaus gibt es eine Ausstellung mit Bildern aus der Zeit zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg. Auf den vergrößerten Fotos sind Schulklassen zu sehen, Bauernfamilien, Landarbeiter bei der Ernte, ein Müller mit seiner Familie, Handwerker, Arbeiter, Turner. Reiche und arme Leute. Die Beschriftung steht hier in polnischer und deutscher Sprache. An den Plakaten ist nichts zerrissen, verschmiert oder besprayt.

Unser polnischer Reiseleiter Andrezej Kuzminski erzählt, dass es heute noch mehrere deutsche Familien in Oppeln gibt. In der kommunistischen Zeit hätten sie es besonders schwer gehabt.

Sonntag

Am nächsten Tag führt er uns noch einmal durch das idyllische Städtchen, in dem er seit 15 Jahren wohnt. Vorbei an der Musikhochschule, an einem weniger schönen modernen Sieges-Denkmal im Park, später unter alte Laubengänge und an Straßencafes vorüber.

Über den Oderkanal und die Oderschleifen fahren wir am Nachmittag zu einer schlesischen Bauernfamilie, die uns von dem letzten Oder-Hochwasser erzählt und uns mit einem „kleinen schlesischen Imbiss“ in Form eines üppigen Mittagessens bewirtet. Tüchtig sind diese Leute! Als das schlimme Hochwasser ihnen die Felder und Häuser zerstört hatte, waren selbst die Älteren von ihnen noch als Erntehelfer nach Deutschland gegangen, um sich das Geld für die Restaurationen zu verdienen.

Natürlich wollen wir auf dieser Reise auch Tschenstochau nicht auslassen, diesen bedeutendsten Wallfahrtsort in Polen! (Gegründet durch den Pauliner-Orden – Paulus dem Einsiedler.) Ein munterer Führer erklärt uns die Gebäude, die Kunstschätze und leitet uns dann ganz unerwartet durch eine schmale Tür, die um den Altar mit der schwarzen Madonna herum führt. Gerade wird dort eine heilige Messe gefeiert. Massen von Gläubigen stehen eng gedrängt oder knien in der Halle. Mehrere Priester zelebrieren nebeneinander vor dem Alter. Und wir tapsen dort mit roten Ohren artig hintereinander her und fühlen uns in diesem Augenblick wie ertappte Voyeure.

An Kattowitz vorbei geht es später nach Krakau. Unser Reiseleiter erzählt uns von der jungen polnischen Bevölkerung, die wegen des Bergbaues hier angeworben worden war. Sie erhielten dafür eine eigene Siedlung. Allerdings sollte keine Kirche dabei sein, was die jungen Leute jedoch mit besonderer Schlauheit zu umgehen wussten.

Und dann sind wir wieder in Krakau! Diese Stadt entzückt durch ihre Mischung aus herrlicher Lage, bunter Historie, pittoreskem Stadtbild und einer fast mittelmeerartigen, südländischen Lebendigkeit der Bevölkerung.

Montag

Das Wetter ist wechselnd, bewölkt mit einigen Regentropfen.

Wir fahren zur Hohen Tatra. Herrlich ragen die dunklen Gebirgszüge gegen den Himmel auf. Die Felder werden schmaler, heben sich über sanfte Hänge empor. Unser Reiseleiter erzählt uns von den Goralen, einem eigenwilligen Hirtenvolk in diesen Bergen, mit ungezähmten Sitten. Auch von dem Schmugglerhäuptling Heiduk und von einem besonderen Schafskäse, den die Goralen bereiten.

Auf Flößen geht es später durch das romantische Dunajec- Durchbruchstal. Ein fescher Flößer-Gorale erzählt beim Stochern mit einem langen Ruder einige Sagen über die herausragenden Felsblöcke und weist auf besondere Tiere, die hier leben. Ein schlanker Schwarzstorch stakst derweil am gegenüberliegenden Ufer auf und ab. Dort beginnt bereits die Slowakei.

Nach einer langen und ermüdenden Busfahrt (wegen zahlreicher Baustellen) kommen wir erst am Abend wieder in Krakau an. Die Stadt ist um diese Jahreszeit auch jetzt noch belebt. Viele junge Leute, Straßenkünstler, Trommler, Feuertänzer, Familien mit kleinen Kindern, Studenten und besonders hübsche Mädchen sitzen im Freien, trinken Bier, essen, unterhalten sich, gehen spazieren. Die zweite Sprache neben Polnisch scheint hier amerikanisch zu sein.

Dienstag

Zuerst ist es sonnig, dann bedeckt. Wir fahren in den Tschenstochau-Jura mit romantischen Burgruinen auf spitzen Kreidefelsen. Wir sehen uns das Schloß Bieskowa Skala an und genießen anschließend im Wald ein liebevoll vorbereitetes Picknick mit polnischen Spezialitäten. Nachmittags besuchen wir im Museum Zbiory Czartoryskich Leonardo da Vincis „Dame mit dem Hermelin“. (Der Hermelin soll eine Anspielung auf ihren fürstlichen Liebhaber sein, der den Orden des weißen Hermelins bekommen hatte und entsprechend genannt wurde.) Am Abend sitzt unser Busfahrer bei uns mit am Tisch und erzählt Räubergeschichten aus Polen, zum Ärger des polnischen Reiseleiters, wie es aussieht.

Mittwoch

Morgens treffen wir uns zu einer sehr ausführlichen Stadtführung. Mit Besichtigung des Domes, des Königsschlosses, der Universität, die von den Jesuiten gegründet ist. Eine Kaffeepause gibt es am Rynek. In der Marienkirche steht ein Altar von Veit Stoss (Tod Mariens). Anschließend gehen Michael und ich noch in die Judenstadt Kasimircz mit Remu-Synagaoge und jüdischem Friedhof.

Donnerstag

Regen, trübes Wetter, passend zu Auschwitz (Auschwitz I und Auschwitz II Birkenau) Furchtbar. Schweigende Heimfahrt.

Abends sitzen wir mit unserer Gruppe im Klezmer Hois von Kasimircz. Drei junge Leute spielen jüdische Musik, Cello, Bratsche und Akkordeon. Die blonde Bratschistin singt einige jiddische Lieder. Die Musik wirkt gerade heute auf mich ergreifend. Nach dem Besuch von Auschwitz.

Freitag

Um 9 Uhr Abfahrt nach Breslau.

Unterwegs halten wir in Brieg (Brzeg) (Schlosstor, Renaissance, gotischer Nikolauskirche und barocker Heilig – Kreuzkirche der Jesuiten.) Das Mittagessen wird in Brieg eingenommen. In einem romanischen Gewölbe gibt es polnische Spezialitäten: Bigos und köstliche polnische rote Borschsuppe. Vor dem Haus betteln kleine Zigeunerkinder. Weiter geht es nach Breslau. „Wroclaw“ der Name klingt mir wie ein murriges Räuspern. Gegen 17 Uhr Ankunft.

Samstag

Sonnig, sehr warm.

Ein Spaziergang durch Breslau lässt uns staunen! Diese völlig zerstörte Stadt ist wunderschön restauriert und sehr lebendig. Und Herr Kuzminski hat in Breslau studiert und zeigt uns seine Stadt. Maria-Magdalena, Elbing, Rathaus, Garnisonkirche, Elisabethkirche mit Mahnmal für Dietrich Bonhöffer, dann die Dominsel mit Dom St. Johannes, Elisabethkapelle und Fronleichnamskapelle. Am Ende gehen Michael und ich alleine noch in die Markthalle und treffen später im Ratskeller wieder auf die Gruppe. Alle freuen sich. Irgendwie ist aus der Reisegesellschaft tatsächlich eine Gruppe geworden.

Aber Breslau ist wirklich eine angenehme Stadt! Man möchte länger bleiben. Am Nachmittag bummeln wir gleich wieder zum Marktplatz (Rynek) und weiter über den Salzmarkt. Die meisten Menschen sind hier Einheimische. Man sieht auffallend viele junge Leute. An allen möglichen Ecken stehen Straßenkünstler, die ganze Innenstadt wirkt auch am späten Abend noch sicher. Und „die zweite Sprache“ scheint hier eher deutsch zu sein.

Sonntag

An diesem Tag kommen wir zuerst zu einer Wallfahrtskirche nach Leubus und danach zum Zisterzienserkloster Trebnitz (Trzebnica) Es ist wieder sehr warm. Aus der überfüllten Leubuser Kirche dringen über Lautsprecher die lang gezogen gesungenen polnischen Kirchenlieder heraus. Zwei junge Zigeunerinnen nehmen bereits mit ihren kleinen Kindern Stellung ein. Gleich wird die Sonntagsmesse zu Ende sein. Trebnitz mit romanischem Portal neben einer stark barocken Kirche ist der heiligen Hedwig (Jadwiga) der Mutter der Heiligen Elisabeth geweiht. Wir fahren weiter zu dem monumentalen und teilweise traurig zerfallenen Kloster Leubus.

Montag.

Sehr warm. Um 8 Uhr beginnt die Abreise aus Breslau. Wir halten noch einmal in Legnicke (Wahlstatt). Und bekommen hier als ein Abschiedsgeschenk die barocke Hedwigskirche von Wahlstatt zu sehen. Ein Schmuckstück von Dientzenhofer und Asam.

Über die Autobahn fahren wir zurück nach Berlin und erwischen dort gerade noch den ICE nach Hamburg. Gegen 15 Uhr sind wir in Bothel.

3 220 Kilometer haben wir in diesen Tagen zurückgelegt, davon 2 820 Kilometer in Polen.

17. bis 28. Juli 2008

J. A.