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Erinnerungen – Kapitel 13

Die schöne alte Villa

Wenn ich manchmal noch von dieser alten Villa träume, dann kommt mir das verkommende Gebäude wie ein verwunschenes Dornröschenschloss vor.

Die runden Türmchen auf dem steilen Schieferdach. Die Fledermäuse, die abends um die Mauern jagten. Zum Eingang führte eine breite Freitreppe hinauf, auf deren gewungenem Treppenabsatz eine gemauerte Säule stand.

Und wie im Märchen, wucherten auch hier die Kletterrosen an der Wand hoch und verdeckten die abgeblätteren Stellen des Putzes mit ihrem Laub. Nur der hintere Teil des Hauses war nicht mit Rosen, sondern mit dichtem Weinlaub bewachsen. Einen Ableger dieses Weins haben unsere Eltern später an die Wand des eigenen Häuschens gesetzt. Wo die vitale Rebe bis heute noch im Spätsommer ihre blauen Früchte trägt…

Die alte Villa aber ist längst abgerissen. Die verwilderten Rosen gibt es nicht mehr und die schönen hohen Bäume im Park sind größtenteils gefällt. Ein neues Wohngebiet ist dort entstanden.

Die Menschen aus der alten Villa

Doch damals lebten wahrscheinlich ebenso viele Familien in der großen Villa, wie heute in dem neuen Gebiet. Beim Nachzählen komme ich auf 8 Parteien.

Gleich vorne, an dem steinernen Hausflur, lag ein riesiges Zimmer, das die Familie Vogel-Kraus-Schirrmeister bewohnte. Laute Stimmen und Kindergeschrei klangen oft heraus. Sechs Kinder wohnten mit ihrer Mutter und dem Vater der jüngsten Kinder in diesem Raum. Die Mutter putzte bei amerikanischen Familien in Gauting die Wohnungen. Und das älteste Mädchen versorgte nach der Schule die Geschwister.

Gleich neben dieser Wohnung, war auch der Eingang zu dem gemütlichen Zimmer eines ostpreußischen Gärtners und seiner Frau. Die Beiden hatten keine Kinder und der Mann saß im Rollstuhl.

Auf der gegenüber liegenden Seite des Flurs hörte man oft heisere Männerstimmen lachen oder diskutieren. Hier war der heimliche Bierausschank von Herrn Ruhland. Einem kräftigen Getränkehändler, der es nicht lassen konnte, die Bauern abends noch mit einem Bier zu versorgen.

Im Obergeschoß wohnten ebenfalls mehrere Familien: „Die Schreckin“, eine freundliche, kleine runde Person mit ihrer Tochter Dorothea. „Die Prallerin“ mit ihrem halbwüchsigen Sohn, Alfred. Und die Familie Waldmann-Urban aus Rumänien, mit einem Großvater, der das ganze Jahr über eine hohe Fellmütze trug.

Im Erdgeschoß führte aber noch ein schmaler Gang in die hellen Räume des hinteren Anbaues hinüber. Dort lag unsere Wohnung; ein ehemaliger Festsaal, mit abgetretenem Eichen-Parkettboden, der durch Holzvertäfelungen in vier unterschiedlich große Zimmer geteilt worden war. Geheizt wurde diese neue Wohnung von einem zyllindrisch geformten Sägemehlofen, der selbst im kältesten Winter eine angenehme Wärme verbreitete.

J. A.

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