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Erinnerungen – Kapitel 12

Neue Dorfgemeinschaft

Zitat aus dem Münchner Merkur vom 7. September  1949

„Außer dem Elektriker sind alle Handwerkszweige vertreten und alles hilft in der Freizeit durch gegenseitige Unterstützung, dass das geplante Unternehmen möglichst bald steht. In den letzten Tagen wurde ein Transformator erbaut, bald wird das elektrische Licht brennen und die Wasserleitung laufen. Die erforderlichen Lebensmittelgeschäfte versorgen die Siedler mit dem Nötigsten…“

Siedlungskinder

Neben den beiden neuen Gemischtwarenläden, gab es noch die Metzgerei Lorenz, in der wir Kinder am liebsten einkauften, weil es immer eine Scheibe „Leoni“ gab, ein Stück der guten Lyoner Fleischwurst. Sonst kauften wir „beim Papelitzky“ aufs Büchl ein. Es schien unseren Eltern übersichtlicher zu sein, dass alle Einkäufe erst am Monatsende beglichen wurden.

Da wir keinen eigenen Garten besaßen, gingen wir oft zu den wild bewachsenen Etagen der ehemaligen Kiesgrube, die nur wenige Meter von unserer Wohnung entfernt war. Mit meinen Brüdern bauten wir unter die ausgetretenen Holunderbüsche kleine Wohnungen und spielten Vater, Mutter und Kind. Oder wir spielten Schule oder Indianer. Sehr gerne auch mit den anderen Kindern aus der Siedlung Fangen oder Verstecken oder Räuber und „Schandi“.*

Manchmal ließ ich die beiden Buben aber auch zurück und traf mich mit meinen Freundinnen Inge und Hannelore. Mit ihnen bauten wir kleine Puppenmöbel aus leeren Streichholzschachteln und stellten sie in winzige Wohnungen aus Kartonschachteln.

Oder wir frisierten uns gegenseitig die Haare und drehten sie zu Stopsellocken, die damals in Mode waren.

Gelegentlich bemalten wir lange Streifen aus Butterbrotpapier mit Märchenbildern. Diese zogen wir dann als Filme durch unsere Laterna Magica. Die mein Vater irgendwo für uns erworben hatte.

Am Faschingsdienstag liefen alle Pentenrieder Kinder verkleidet von Haus zu Haus. Wir klingelten oder klopften an die Haustüren und sangen: „Lustig ist die Fasenacht, wenn mei Muata Küachal backt, wenn sie aber keine backt, pfeif ich auf die Fasenacht!“ Dieses Sprüchlein brachte uns reiche Beute in Form von Faschingskrapfen, Bonbons oder sogar Geld ein.

In diesen wenigen Monaten seit ihrer Gründung, war in der neuen Siedlung ein Gemeinschaftsgefühl entstanden, wie es sonst wohl nur in alten, gewachsenen Dörfern möglich war.

Und nicht nur die Siedler bildeten eine geschlossene „Dorfgemeinschaft“, auch wir Kinder gingen morgens in einer Gruppe durch den Wald nach Gauting zur Schule. Und wir spielten auch im Pausenhof zusammen unsere Kreisspiele, die wir wahrscheinlich noch von den Lagern her kannten. „Schau nicht um, der Fuchs geht rum!“ oder „In dem Walde steht ein Haus….“ „Stolzer König…“ und natürlich auch wieder „Ziehe durch, ziehe durch, durch die goldne Brücke….

Pentenrieder Kinder

Pentenrieder Siedlungskinder, ca. im Jahr 1950

Pentenrieder Gutshof

Erst im Jahr 1951 wurde der ehemalige Wehrmachtsgutshof für eine dreijährige Bewährungszeit an 6 Flüchtlingsfamilien und eine einheimische Familie übergeben. Dazu kamen eine Gärtnerei und eine Schmiede. Außerdem gab es die Schnapsbrennerei in der vor allem Kartoffelschnaps hergestellt wurde, der eine wichtige Einnahmequelle für die Bauern bildete.

Zu dem Gut gehörten auch ein großer Park mit mächtigen Buchen, Linden und mit altem Obstbaumbestand, eingefasst von einer verwilderten Hecke aus Lebensbäumen. Und es gab eine etwas herunter gekommene Villa mit einer großen Freitreppe, mit schönen Steinböden und kleinen Türmchen in denen Fledermäuse wohnten.

Dieses geräumige Gebäude wurde um die gleiche Zeit in mehrere Sozialwohnungen aufgeteilt. Darin lebten ein ostpreußischer Gärtner mit seiner Frau, ein ehemaliger Gastwirt, der immer noch einen Ausschank betrieb und eine Familie aus Rumänien, sowie verschiedene kinderreiche Paare, die man heute als Patchwork-Familien bezeichnen würde.

In den hinteren Anbau dieser großen Villa, der mit seinen Fenstern zum Park hinaus zeigte und etwas abgetrennt lag, sollten auch wir einziehen!

Kinder – Sorgen

Die Freude hielt sich bei uns Kindern bei dieser Nachricht in Grenzen.

Wie würde die Gruppe der Siedlungskinder darauf reagieren? Gehörte man dann überhaupt noch zu ihnen? Oder werden die alten Freunde und Freundinnen, mit denen man täglich am Schulhof, in der Kiesgrube oder im Wald ** spielte, sich von uns zurückziehen? Werden sie uns gar als Abtrünnige verachten?

Und, wie würden die Gutskinder, die bisher zu einer anderen Gruppe gehört hatten sich uns gegenüber verhalten? Hatten wir doch ihre Gruppe als „Gutscheißer“ und sie uns als „Siedlungsstinker“ beschimpft, wenn wir in zwei streibaren Formationen von der Schule heim gingen? Sie die Bauernkinder, die daheim im Stall und beim Kühe-hüten helfen mussten und wir die Siedlungs-Kinder, die nur ihre Hausaufgaben ordentlich zu machen hatten und danach spielen durften.

Dass unsere Sorgen unbegründet waren, möchte ich im nächsten Teil meiner Kindheitserinnerungen erzählen.

J. A.

* Schandi nannte man bei uns den Gendarm

** In dieser Zeit gab es in unseren Wäldern auch mehrere Pentenrieder „Indianer Banden“.  Erstens die „große Bande“, mit unserem Cousin Eckart als Häuptling. Dann die „kleine Bande“, zu der wir gehörten sowie auch die Mädchenbande „Klein Adlerauge“, die ich mit meinen Freundinnen gegründet hatte. Als Treffpunkt dienten uns geheime Hütten aus Moospolstern und Zweigen oder eine Höhle unter den Wurzeln einer riesigen umgestürzten Fichte…

P. S. Auf dem alten Foto erkenne ich Lutz Funke, Anja Funke, Heidi Egerer, Rotraud Egerer, Hannerl Löschner, Wiki Löschner. Der kleine blonde Junge dazwischen könnte der Henri Scharfschwerdt sein.

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