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Erinnerungen – Kapitel 11

Das neue Brüderchen

Flüchtlingskinder und ein neuer kleiner Bruder

Anders, als die Kinder in den Flüchtlingslagern von Podersam, Altenburg und Greiz wirkten die Kinder der neuen Siedler kaum geschädigt. Man merkte jedenfalls an ihnen keine auffälligen Störungen wie Sprachlosigkeit, übertriebene Ängstlichkeit oder aggressives Verhalten. Höchstens, das schnelle Sprechen und manchmal ein Zucken im Gesicht fiel unserer Lehrerin in der ersten Klasse bei mir auf. Sie bezog es auf die verdrängten Erlebnisse der frühen Kindheit.

Doch über diese Lehrerin und über die Gautinger Schule möchte ich vielleicht ein anderes Mal erzählen. Denn es war ein großes Glück, dass ich ausgerechnet in diese Schule und in diese Klasse gekommen bin. Auch spielte mein Religionslehrer, der alte Gautinger Pfarrer, eine tief prägende Rolle.

Aber zurück zu Pentenried, das ja ungefähr drei Kilometer von unserer Gautinger Schule entfernt, mitten im Wald lag. Und das wir, mit unseren schweren Schulranzen am Rücken, nur zu Fuß oder auf dem Gepäckträger von Muttis Fahrrad erreichen konnten.

Manchmal nahm uns auch Herr Huber, der Bürgermeister von Krailling, in seinem großen Auto mit. Wir hielten ihn lange für den Nikolaus, wegen seines langen Bartes.

Die Himmelstanne und die Kiesgrube

Das neue Brüderchen

Kinder in Pentenried

In unserer neuen Siedlung wohnten viele Kinder. Am liebsten trafen wir uns in der ehemaligen Kiesgrube, die jetzt schon halb mit Gras und Hollunder, sowie mit jungen Fichten bewachsenen war. Es konnte keinen schöneren Spielplatz für uns geben wie diese Kiesgrube, die eine Berglandschaft im Kleinstformat bildete. Wo wir im Sommer unbeschwert toben konnten und auch im Winter mit Schlitten oder Skiern ganze Nachmittage verbringen. Sonst aber spielten wir auch direkt im nahen Wald. Angeführt von einem älteren Nachbarmädchen, das wir jüngeren Kinder regelrecht umlagerten.

Auf einem alten Foto, sieht man dieses hübsche, schlanke Mädchen mit seinen hellblonden Zöpfen und dem zarten Gesicht. Es lehnt sich gegen einen altmodischen Kinderwagen, während es lächelnd in die Kamera blickt.

Dabei erinnere ich mich, wie sie mit uns im Schlepptau leichtfüßig zu dem Waldrand lief, um dort auf eine riesige Fichte zu klettern, die sie „Himmelstanne“ nannte. Ganz oben, fast schon im Gipfel, konnte sie nämlich mit dem Christkind kommunizieren. Sie durfte dem Christkind, wohl in dieser Nähe zum Himmel, alle unsere Grüße und unsere Wünsche überbringen! Wir Kinder aber standen aufgeregt unter dem himmlischen Baum und lauschten. Während wir den Geruch der Nadeln und des Harzes einatmeten, bis die Stimme des Christkindes ertönte. Die aus dem Wipfel des Baumes, ein feines, hohes Lied für uns sang. Dieser zarte hohe Klang hieß nämlich, dass unsere Wünsche beim Christkind angekommen sind und nach Möglichkeit erfüllt werden!

Ob unsere Eltern auch zu dieser hohen Fichte gepilgert waren, kann ich nicht sagen. Aber irgendwie bringe ich den kleinen runden Baby-Kopf, der sich aus dem alten Kinderwagen hebt, mit dieser Himmelstanne in Verbindung.

Das Kind im Wagen nämlich ist unser neuer kleiner Bruder, der für uns Ältere eine riesige Überraschung war. Eine frohe Überraschung, darf man sagen, da wir uns schon lange ein Geschwisterchen gewünscht hatten!

Vielleicht kann ich das alte Foto in den Blog bekommen, denn es ist wohl das erste Bild, das uns drei Kinder gemeinsam zeigt.

Verschiedene Veränderungen geschahen durch die Ankunft des dritten Kindes:

Unser Vater, der uns Große im Krieg leider niemals von Geburt an erleben konnte, durfte zum ersten Mal sein neu geborenes Kind in den Armen halten und es von Anfang an aufwachsen sehen! Dieses Erleben veränderte sein ganzes Wesen, so dass er später, vielleicht etwas großspurig, ausrief: „Ein Mann wird erst zum Menschen, wenn er die schmutzigen Windeln seines Kindes sieht!“

Ein neues Kind bedeutet auch immer Freude und Hoffnung.

Eine der Hoffnungen, die sich nach den zahlreichen vergeblichen Bewerbungen unseres Vaters kurz darauf erfüllte, war eine feste Stelle bei der „Würmtal Wasserversorgung“!

So behob sich mit einem Schlag auch die große finanzielle Not, die unsere Eltern nur durch besondere Kreativität und Zuwendung für uns Kinder erträglich gemacht hatten.

Außerdem konnte unser Vater sich endlich wieder eine Gitarre leisten. Bis kurz vor sein Lebensende, spielte er nun jeden Morgen und bei vielen schönen Gelegenheiten auf seiner Gitarre. Am meisten liebte er die Musik der alten englischen und spanischen Meister.

Und auch der innige Wunsch unserer Mutter nach einer größeren Wohnung, sollte bald in Erfüllung gehen.

J. A.

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