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Der Zauber des Namens

Gedanken

Im alten Österreich, wo meine Vorfahren herkamen war es üblich, einem Kind den Namen des Heiligen zu geben, an dessen Tag es geboren war. Dazu kamen dann oft noch der Name des Vaters, der Mutter, der Paten oder gar des hochverehrten Kaisers,  so dass die meisten Kinder eine ganze Namensliste mit sich trugen. Johanna, Aloisia, Auguste etc… hieß auch meine eigene Mutter. Und meine Schwiegermutter, obwohl bereits im deutschen Reich geboren, erhielt die schönen Vornamen Irmgard, Maria, Clementine, Wilhelmine, worüber sie sich ein Leben lang grämte… In der Familie meines Vaters bekamen die Söhne meistens noch den Namen Wenzel dazu, der als böhmischer Heiliger sehr beliebt war. Im Tschechischen heißt dieser Heilige dann Vadslav oder Vladislav. (Vadslav Havel).

Einen Namen aber nur suchte man dem Kind als Rufnamen aus und der war natürlich dann der wichtigste,  denn an dessen Namenstag wurde in den alten Zeiten das Namensfest anstelle des Geburtstages gefeiert.

(Dies kommt auch in der Oper Fidelio vor, wo der Gefängniswärter Rocco singt: „Des Königs Namensfest ist heute!…“, so dass der üble Pizarro seine Gefangenen für ein paar Stunden an die frische Luft lassen muss, was uns den herrlichen Chor „Oh welche Lust, in freier Luft zu atmen!“ beschert…)

In meiner Waisenhausgeschichte hatte ich erzählt, wie bedeutsam unsere Namen für uns sind. Im Katholischen sollen unsere namen – gebenden Heiligen das Kind auch als Wegbegleiter ein Leben lang beschützen. (Ähnlich, wie der Konfirmationsspruch für den evangelischen Christen von großer Bedeutung ist.)

Dass aber diese Namen, vor allem die Vornamen, tatsächlich einen merkwürdigen Zauber besitzen, möchte ich hier durch zwei weitere Erlebnisse verdeutlichen.

Die erste Geschichte begab sich vor vielen Jahren in Rotenburg, wo durch Kriegsereignisse und andere Ursachen eine große Welle von ausländischen Menschen angekommen war. Daneben gab es noch die zugesiedelten deutschen Aussiedlerfamilien aus den ehemaligen GUS Ländern, Nachfahren von deutschen Auswanderern, die vor mehreren Generationen von Katharina der Großen an die Wolga geholt worden waren. Die jedoch dann, nach endlosen Schicksalsschlägen und Schikanen in der kommunistischen Zeit, endlich die Genehmigung bekamen, wieder in das Land ihrer Vorfahren zurück zu kehren. (Siehe dazu mein Beitrag über „Eine starke russlanddeutsche Frau“.)

Was diese beiden Gruppen damals gemeinsam hatten, waren Kinder die unsere deutsche Sprache nicht – oder nicht mehr beherrschten. Die hier fremd waren und sich ausgeschlossen fühlten. Weshalb es, neben den verschiedenen städtischen Einrichtungen, auch mehrere Initiativen von Kirchengemeinden gab, um diese Kinder bei uns freundlich einzuführen.

In meiner Fatima-Geschichte habe ich so eine kirchliche Nachhilfe beschrieben. Eine andere Hilfe gab es in der Rotenburger Stadtkirchen Gemeinde, wo man sich regelmäßig traf, um mit den Kindern zu basteln und zu spielen.

An manchem heißen Nachmittag jedoch wären diese Kleinen vielleicht lieber im Freien gewesen, hätten dort ihre eigenen Spiele geübt. Ballspiele waren das, Fußball für die Jungen oder Münzen-Versteck- Spiele auf dem Pflaster. Sowie Mädchenspiele, die an das Spiel ‚Himmel und Hölle‘ erinnerten.

Nun sollten sie aber ausgerechnet an einem schwülen Sommertag nur basteln, weil einige der Damen sich extra frei genommen und bunte Bastelbögen, Faden, Klebestoff und Scheren mitgebracht hatten. ‚Mobiles‘ sollten es werden, schwebende Vögel, Blumen und Fische an langen Fäden, Traumfänger vielleicht, die die Kinder später daheim über ihre Betten hängen konnten…

Aber ans Basteln war heute einfach nicht zu denken. In solcher Hitze und mit dieser aufgedrehten Kinderschar!

Wir Helferinnen konnten die Kerlchen nicht in Zaum halten. Vor allem einige der Jungen versuchten immer wieder, sich zu necken und zu balgen oder mit allen möglichen Gegenständen zu bewerfen und Fußball zu spielen. Die Stimmung war gereizt. Und auch wir Erwachsenen hatten bald keine Lust mehr, uns weiter einzubringen. Es würde heute doch nicht klappen. Keines der Kinder wollte jetzt nach Schere und Stiften greifen…

Unlustig nahm ich einen der Bastelbogen vom Tisch, um ihn zusammen zu rollen. Schade um die schöne rote Pappe! Ich nahm eine Schere und – fragte dann eines der umstehenden Mädchen nach ihrem Namen.

Suzan“, kam die Antwort. „Schreibt man es so?“ Mit einem dicken Filzstift malte ich die Buchstaben auf das kräftige Papier. Dann schnitt ich das ganze Schildchen aus, verzierte es etwas am Rand und hängte es dem Mädchen an einem Faden um den Hals.

Ich auch!“ rief da ihre kleine Freundin sogleich und und drängte sich an mich und die beiden übernächsten Mädchen schrien ebenso. „Ich auch, ich auch!“

Selbst die Jungen kamen nun heran. Auch sie wollten ihren Namen auf einem grünen oder blauen Schild lesen. „Haben wir denn genug Papier und Faden dabei?“ „ Kannst du mir Mal den dicken Filzstift rüber reichen?“

Alle Helferinnen waren nun beschäftigt! Und die Kinder standen und drängten sich und jeder wollte auch seinen Namen auf einem Schild zu lesen haben. Eine Dame hatte inzwischen mehrere Sicherheitsnadeln gefunden, mit denen man das Schild auch anhängen konnte. Vor allem die Buben rissen sich darum!

Der ganze Nachmittag fiel nun völlig anders aus, als wir ihn geplant hatten. Aber alle diese Kinder waren glücklich. Stolz zeigten sie sich gegenseitig ihre Namen!

Ein zweites Erlebnis hatte ich bei meinem letzten Besuch im Kraillinger Altenheim.

Mit 100 Jahren war unsere Mutter in dieses freundliche Caritas Heim nach Krailling gezogen. Das Haus lag nahe der beliebten Wallfahrtskirche ‚Maria Eich‘, die wir schon als Kinder mit den Eltern besucht hatten. Wo wir unsere kindlichen Bitten und Gebete immer erhört glaubten. Und es grenzte sogar noch an den Kreuzlinger Forst, den großen Wald, der dieses Haus mit Pentenried verband. So dass sich unsere Mutter dort meistens heimisch fühlte und auch bestens von den Verwandten und Freunden besucht werden konnte.

Aber auch dieses nette Heim, das regelmäßig Zuschüsse von der Kraillinger Gemeinde erhalten hatte, musste dann sparen. Zu viele Sonderausgaben kamen in den letzten Jahren auf die Kommunen zu, weshalb auch hier die Altenpflege immer mehr auf ausländische Pflegekräfte angewiesen war.

Für die Heimbewohner bedeuteten diese neuen Menschen, die zumeist aus dem Balkan für einige Monate kamen, eher eine Bereicherung. Denn, wie man weiß, ist man gerade in diesen Kulturen besonders herzlich und liebevoll zu alten Menschen. Das scheint in allen südöstlichen und östlichen Ländern aber auch in Israel die Tradition zu sein. Das Alter wird besonders geachtet!

Der einzige Nachteil dabei war der häufige Wechsel der Gesichter. So dass sich die umsorgten alten Menschen kaum die fremden Namen ihrer Pfleger merken konnten.

Nicht aber unsere Mutter, die ja in ihrer Jugend sehr gut tschechisch gelernt hatte und außerdem eine besondere Begabung besaß, mit Menschen umzugehen und sie zu gewinnen.

Jedenfalls kannte sie alle slawischen Namen jener Schwestern und Pfleger und steckte ihnen auch ab und zu kleine Geschenke für ihre Kinder oder Enkel zu.

Als sie dann aber leider nach drei Jahren doch immer schwächer wurde und zuerst auf dem Balkon stürzte und sich mehrere Rippen brach. Kurz darauf noch mehrmals stürzte und schließlich einige Tage vor ihrem 103. Geburtstag für immer einschlief. Da trauerten gerade auch diese netten, serbischen Pflegerinnen und Pflegehelfer und die freundliche Schwester Machene aus dem Kosovo mit uns, um unsere geliebte Mutter.

Wissen Sie, warum wir Ihre Mutti ganz besonders gern hatten?“ sagte ein Pfleger beim Abschied, nachdem er mir das Kompliment gemacht hatte, ich würde meiner Mutter ähnlich sehen…“ Ihre Mutter war die Einzige im Haus, die unsere Namen richtig aussprechen konnte!“

J. A.

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