Erzählungen Gedanken Reiseberichte Sonstiges

Eine Reise durch die DDR bis nach Böhmen im März 1990

2. Teil

Weiterfahrt in Richtung Dresden und Bad Schandau

Mit 80 oder höchstens 100 Stundenkilometern fahren wir dann auf der Autobahn weiter nach Dresden. Der finstere Himmel wirkt so tief herab gerutscht, dass wir ständig das Gefühl haben, mitten in einem Unwetter zu reisen. Die Luft schmeckt auch hier scharf und bitter und die Fahrbahn erinnert an eine Strasse mit heftigen Frostschäden. Trotzdem ist es kein unangenehmes Fortkommen bei diesem Nieselregen. Wir können in Ruhe aus dem Fenster sehen und uns unterhalten. Selten gibt es hier Autofahrer, die einen bedrängen oder die gewagt überholen.

Wir können auch feststellen, dass wir sehr gerne noch einmal nach Gotha kommen würden. Und dass wir froh sind, doch noch Papas Geburtshaus gefunden zu haben!

Am meisten denken wir jedoch über die Pastorenfamilie nach. Mit welcher Demut und Gelassenheit sie diese hoffnungslos schwierige Zeit in dem geteilten Ort und Land durchgehalten hatten!

Durch Dresden

Vielleicht liegt es an den Erzählungen von Herrn Stuttmann, dass uns Dresden bei unserer Ankunft unsagbar traurig erscheint?

Als junger Rotkreuzhelfer war der Botheler Schüler damals von der Wehrmacht nach Dresden eingeteilt worden. Dort geriet er mitten in den schrecklichen Feuersturm der Bombardierung und musste mit anderen jungen Helfern in die zugeschütten Keller kriechen, um nach Überlebenden zu suchen.  Entsetzliche Bilder hatten sich ihm dabei eingeprägt, die ich hier nicht erzählen möchte. Nur einmal, da konnte er sogar ein neugeborenes Baby aus einem zugeschütteten Luftschutzkeller retten, ein unversehrtes Kind, das tief verhüllt bei seiner toten Mutter lag.

Aber heute wollen wir in dieser verletzten Stadt übernachten! Schon lange hatte ich mir gewünscht, die barocke Altstadt und die wieder aufgebaute Semper Oper zu besuchen. Uns war auch klar, dass es hier wieder neues Leben gibt. Und dass dort Menschen wohnen, die nicht nur immer mit den Schrecken der Bombennächte in Verbindung gebracht werden möchten.

Ja, dass sogar von Dresden aus der gewaltlose Widerstand, die sanfte Revolution, gegen das sozialistische Regime ausgegangen war.

Allerdings können wir nicht an die Oper oder an Bürgermeister Berghofer denken, während wir in langen Autoschlangen kreuz und quer durch anthrazitgaue Häuserreihen geleitet werden. Dunkle Werkhallen mit Gittern und Bauzäunen ragen in den schmutzigen Himmel. Hohe Schornsteine geben ein etwas helleres Grau mit dazu ab. Irgendwo sehen wir an einem Gebäude Türme, wie von einer Moschee*…

„Wo ist denn diese verflixte Innenstadt?“ Zum ersten Mal auf dieser Reise werden wir nervös. Schon wieder haben wir durch eine Umleitung den Weg verloren! Inzwischen ist es bereits Nachmittag geworden. „Dort ist ein Hotel!“ ruft Joachim. Wir sehen ein palastartiges Gebäude mit einer breiten Parkebene und mit vielen westlichen Autos davor. „Meintet Ihr so etwas?“

„Wir könnten auch gleich bis zur Grenze fahren und dort nach einer Unterkunft suchen?“

„Und die Semper Oper?“

Erst als wir wieder aus der Stadt heraus kommen, entdecken wir am anderen Flussufer einige wunderbar restaurierte barocke Gebäude heraus schimmern. Das muss die Altstadt sein! Sollen wir noch einmal umkehren und zurück fahren? Diese ganzen Umleitungen riskieren?

Vielleicht sollten wir doch lieber zu einer besseren Zeit wiederkommen und uns in Ruhe diese Stadt ansehen?

Über Pirna, Wehlen, Rathen geht es auf einer gewundenen Landstraße zwischen sanften Bergrücken und lichten Laubwäldern weiter. Rechts, in der Tiefe spiegelt die Elbe die bewaldeten Hügel des gegenüberliegenden Ufers. Es hat endlich aufgehört zu regnen.

Begeistert machen wir uns gegenseitig auf die Schönheit der Landschaft, auf die hohen Türme der Sandsteinfelsen und auf eine mächtige Festung** aufmerksam. Schließlich kommen wir nach Bad Schandau. Was für ein angenehmer Ort! Ob wir hinter der Grenze wohl wieder so einen freundlichen Ort finden? Falls wir überhaupt hinüber dürfen, ohne Visum. Oder stundenlang auf das Visum warten und dann im Dunklen noch immer keine Unterkunft haben. Lieber übernachten wir noch in Bad Schandau! Das Fremdenverkehrsbüro hat allerdings schon geschlossen. Ich erkundige mich bei einem Friseur nach einer Unterkunft. Friseure kennen sich ja meistens gut aus. Das Elbhotel, drunten am Strand, das müsste noch Zimmer frei haben!

Bad Schandau

Das Elbhotel ist ein großes, etwas nüchtern gebautes Haus. Eine freundliche Angestellte zeigt uns ein Zimmer im ersten Stock. Es ist groß und hell und hat sogar ein Bad. Das Schönste aber ist der tolle Ausblick auf die Elbe! Schiffe fahren vorüber, hinter dem Fluss sieht man sanfte Bergrücken. Auch eine Eisenbahnlinie verläuft am anderen Ufer. Tschechische Lokomotiven ziehen dort lange rote Züge.

Schon im Hotel hatte man uns angekündigt, dass dieser Grenzübergang zur Tschechoslowakei der ungünstigste von allen sei! Visen würden hier entweder gar nicht ausgestellt oder sie seien fast doppelt so teuer. Das Gleiche sagte uns auch der DDR-Grenzbeamte in kameradschaftlichem Ton, indem er sich mit verschränkten Armen gemütlich aus dem Fenster lehnt. „Die da drüben, die sind wie das Wetter. Aber Sie können es ja mal versuchen! Vielleicht kriegen Sie ja ein Visum, wenn die gute Laune haben. Sonst sehen wir uns nachher gleich wieder, was? Oder vielleicht müssen Sie denen erst mal einen De-Markschein vor die Augen halten?“ Er lacht fröhlich auf.

Doch, obwohl die Abfertigung an der hinteren Grenze ein Wenig den böhmischen Charme vermissen lässt, müssen wir doch nicht umkehren, sondern dürfen uns für 48 Stunden in der Tschechoslowakei aufhalten. Auch der Preis ist nicht übermäßig hoch, wir können sogar unseren Sohn kostenlos mitnehmen.

So fahren wir also auf tschechischem Boden weiter der Elbe entlang. Die Sonne kommt zwischen den Wattewolken heraus, der Himmel ist von einem barocken Blau. Eine Amsel hüpft laut zwitschernd über eine Schicht von braunem Laub heran und flattert dann plötzlich aufgeregt vor unserem Auto über die Straße. Dort verschwindet sie in einem Gebüsch von weißblühenden Schlehen. Alle Laubbäume haben hier erst Knospen. Aber wenn man quer durch die Stämme schaut, kann man schon vereinzelte Stellen mit hellgrünen Buchenblättern entdecken. „Jetzt aussteigen und wandern!“ seufzt Michael und Joachim nickt und deutet auf die breiten Rücken der malerisch – lockenden Berge.

Tetschen/Kalmswiese

Nicht weit hinter der Grenze liegt die Stadt Tetschen, die heute Děčín heißt. Ein bißchen sieht die Stadt ja wie Gotha aus. Der lange Marktplatz, das schöne Rathaus, die alten Häuser darum. Aber lange können wir nicht bleiben, weil wir nach einer langen Bogenbrücke suchen, die uns über die Elbe nach Tetschen-Kalmswiese führen soll.

In Kalmswiese ist Michaels Großvater John aus Losdorf aufgewachsen. Nach dem Tod der Mutter soll sein Vater in die Gastwirtschaft von Kalmswiese eingeheiratet haben. Aber sein Sohn ist schon gleich nach der Militärzeit beim Österreichischen Heer in das preußische Frankfurt gezogen, wo er sich 1904 als Geschäftsmann niedergelassen hat.

Hinter der eisernen Brücke geht es steil bergan. Rechts und links formen mächtige Buchen und Eichenkronen einen gotischen Bogen über unseren Weg. Und an den Straßenrändern blühen Buschwindröschen.

Als es wieder hell um uns wird, sehen wir die lange Senke mit den grünen Almen und den Bergkuppen, die sie umgeben. Kalmswiese hat einmal der Ort geheißen, in den wir nun einfahren. Jetzt stehen nur noch wenige der alten Häuser und Kalmswiese heißt heute Jalúvčí und ist ein Stadtteil von Děčín, das einst Tetschen hieß.

Falls es vielleicht ein bißchen gewagt war, Tetschen mit dem thüringeschen Gotha zu vergleichen, wäre es wohl weniger vermessen, die Gegend hinter Tetschen, durch die wir dann fahren, mit den Außenbezirken von Dresden zu verbinden. „Der Sieg der Technik über Mensch und Natur“, so könnte man diese hässlichen Industriegebiete übertiteln.

Selbst noch, als wir das trostlose Gewirr aus Röhren und Hallen mit zerborstenen schwarzen Glasfenstern überwunden haben und schon längst wieder von den weit geschwungenen rotbraunen Uferbergen der Elbe umgeben sind, können wir uns eine ganze Zeit lang nicht mehr richtig an der lieblichen Landschaft erfreuen.

Und doch ist diese Landschaft hier einzigartig! Das bewaltete Elbsandsteingebirge geht allmählich in ein vollkommen anders gezeichnetes Bergland über. Ringsum ragen Kegel in die Höhe, die sich in unterschiedlichsten Formen und Farben schwer beschreiben lassen, weil sie aus keinem Blickwinkel heraus wie ein gemeinsames Gebirge wirken, sondern immer nur als einzelne Berge. Einige davon reichen mächtig und herrlich in den weißgrauen Himmel empor, andere ziehen sich aus behäbigen Wülsten plötzlich steil und spitz in die Höhe. Wieder andere sehen wie grünbewachsene Vulkane aus. Dort könnte man sich sogar südliche Weingärten und blühende Pfirsichhaine an den Hängen vorstellen… Noch nie zuvor habe ich solche merkwürdig – schönen Berge gesehen.

Erst kurz vor Saaz wird die Landschaft dann ganz breit und die Erde ist glänzend braun. Man meint ihr die Fruchtbarkeit schon an der Krume anzusehen.

J. A

* Das Gebäude ist keine Moschee sondern ein ehemaliges Fabrikgebäude der Zigarettenfabrik Yenidze

** Die große Burg ist die Festung Königstein

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.