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Eine Reise in die DDR im März 1990

Eine Reise in die DDR

Landschaft bei Hersfeld

Grenzen

Wegen der Corona-Infektionsgefahr, leben wir seit einigen Wochen in strenger Quarantäne. Sogar die Grenzen zu den Nachbarländern sind durch die Pandemie seit März geschlossen.

Schon einmal in der Nachkriegsgeschichte, hatte Europa undurchlässige Grenzen hinnehmen müssen: Den Stacheldraht, die gefährlichen Minenfelder, die harten Kontrollen, die Grenzen des Ostblocks, zu dem auch die DDR gehörte. Erst durch die sanfte Revolution, wurden im Jahr 1990 auch jene Grenzen zur Deutschen Demokratischen Republik durchlässig.

Diese neue Reisefreiheit wollten wir zu dritt erkunden.

Fast schon „historisch“, wirkt heute mein Bericht aus dieser aufregenden Umbruch-Zeit. Deshalb möchte ich ihn hier, zumindest den ersten Teil meiner Aufzeichnungen, in meinen Blog aufnehmen.

Originaltext vom März 1990

Als der junge DDR-Grenzbeamte in unsere Ausweise guckt, stutzt er plötzlich und fragt in vertraulichem Ton, ob es sein könnte, dass Michael vielleicht ein Zahnarzt sei? Und sein Kollege hinter ihm im Grenzhäuschen schaut uns mit einem hoffnungsvollen Blick an und hält sich dabei seine rechte Backe.

Obwohl der Übergang in die DDR nun ebenso problemlos vor sich geht, wie wir es von Reisen nach Österreich oder Holland kennen, fühlt man sich hier noch verkrampft, nickt etwas zu eilig, lacht ein bißchen zu schrill – und kann erst wieder aufatmen, wenn man aus dem Bereich des Schlagbaumes gekommen ist. Aber selbst hier mustert man nur mit vorsichtigen Blicken den breiten Streifen der Landschaft, der einmal mit Minen gespickt und von Menschen und Hunden bewacht, durch Panzersperren und tödliche Zäune die eine Welt vor der anderen schützen sollte.

Über Hannover, Göttingen, Duderstadt, Worbis sind wir an diesem 28. März nach Thüringen gekommen. Zuvor hatten wir noch einmal bleifreies Benzin getankt. Dann ging es langsam und auf holperigen Straßen quer durch den Nieselregen und man spürte schon nach wenigen Kilometern den bitteren Geschmck der Braunkohleluft auf dem Gaumen. Hinten im Auto saß Joachim mit der Straßenkarte auf den Knieen, vorne Micha am Steuer und ich daneben, durfte mir die Gegend ansehen.

Eine sanfte Landschaft, hügelig und bewaldet. Die Dörfer aber meist sehr ärmlich aussehend. Vor den Ortschaften lesen wir immer wieder Willkommensgrüße. Die Menschen sehen freundlich auf unser westdeutsches Auto, manche winken sogar. Öfters fahren wir an neuen bundesdeutschen Wahlplakaten vorbei, auch an mächtigen Tafeln, auf denen noch vor Kurzem für den Sozialismus geworben worden war. Jetzt ragen dort meist leere Flächen in den Rahmen.

Wir fahren über Nordhausen nach Sondershausen. Sondershausen ist einmal unsere Kreisstadt gewesen. Ab und zu war ich damals mit den Eltern hier. Jetzt versuche ich mich an einige Häuser zu erinnern. An die breite Baumallee, an die große Brücke…

Wir können uns schwer an die anthrazitgrauen Farben der Häuser gewöhnen. Und es stören die Hügel aus Braunkohle, die hier auf allen möglichen freien Stellen hingeschüttet liegen. An einer Straßenkreuzung stehen mehrere Kinder. Nein, es sind kleine Russen in ihren langen Uniformmänteln und Stiefeln. Als sie unser westdeutsches Auto sehen, freuen sie sich, lachen und winken uns zu.

Nun führt der Weg durch hohe Laubwälder. „Nach Schernberg müssen wir gleich rechts abbiegen!“ ruft Joachim von hinten. Dann will er wissen, ob wir damals mit der Bahn hierher gekommen sind?

Zu dieser Frage möchte ich auf meine Lebenserinnerungen, Kapitel 6 und 7 verweisen!

Schernberg  steht jetzt auf dem Ortsschild

Auch heute noch wirkt Schernberg wie ein Ort, dem man seine Abwehr gegen alle fremden Einflüsse bereits an den Häusern anzusehen meint. Obwohl es heller Nachmittag ist, erscheint das Dorf wie ausgestorben. Selbst die Holztore zwischen den Gebäuden lassen den Fremden nicht in den Innenhof schauen und die Kirche, dieses wehrhaft-plumpe Gebäude mit seinem eckigen Kirchturm, hat seine Türen fest verrammelt!

Schernberg Kirche 1948

Kirche Schernberg 1948

Ob dies wohl diese Kirche gewesen sein mag, in der unsere Tante Emmi mit ihrer schönen Sopranstimme bei den Bauern-Hochzeiten singen sollte? „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen!“

Als wir dann doch endlich eine alte Frau an einem offenen Fenster entdecken und fragen, wo der Friedhof liegt, gibt sie uns freundlich Auskunft. Und später, als wir durch die Gräber gehen, um an den umgestürzten mit Efeu überwucherten Steinen den Namen meines Großvaters zu finden, kommt sogar noch ein alter Mann herbei gehinkt und will uns helfen. Er würde hier alle Gräber kennen! Beim Lächeln verziehen sich seine zahlreichen Schnitte, die er sich wohl beim Rasieren zugefügt hat. Ein bißchen verwirrt scheint er auch zu sein. Ob er wohl der Totengräber ist? Während wir uns noch einmal Stein für Stein ansehen und bis zu den Gräbern gelangen, deren Konturen man unter der dicken Schicht von Efeu nur noch erahnen kann, erzählt uns der Fremde von dem Bauern Wüstemann, bei dem meine Eltern zuerst ein Zimmerchen hatten. Dann zeigt er uns die Grabstätte der Familie Jünger, wo wir später wohnten. Aber das Grab meines Großvaters kann auch er nicht finden.

Als ich schon zum Auto gehe, ruft Michael uns noch einmal in den hinteren Teil des Friedhofs. Er hat dort eine Pflanze entdeckt, die sich wie ein Seil um die Äste der Sträucher windet: Eine Hopfenranke! 1947 hatten Flöhauer Landsleute dem Großvater, als ihrem „Hopfenkönig“, eine Krone aus Hopfen anstelle von Blumen aufs Grab gelegt…

Schweigsam fahren wir über Ebeleben weiter nach Gotha. Es nieselt auch jetzt wieder und der Himmel ist düster. Immer wieder muss Michael die Scheibenwischser anstellen und mit Wasser nachspülen, damit wir überhaupt aus der verschmierten Windschutzscheibe hinaussehen können. Die Straßen sind auch hier wieder schmal und holperig. Und weil die Trabi- und Wartburgfahrer nur sehr sparsam beleuchtet sind, muss man sich gut konzentrieren, um in dem einheitlichen Grau nicht ein schlecht beleuchtetes Fahrzeug zu übersehen.

Gotha

Gotha soll damals sogar eine Staßenbahn gehabt haben, hat uns Michaels Vater erzählt. Er ist hier geboren und zur Schule gegangen. Erst zum Studium musste er Gotha verlassen.

Trotz der zahlreichen Häuser, die zu renovieren, zu restaurieren oder einfach nur zu malen wären ist Gotha immer noch sehr schön! Es wirkt auch lebendig. Vor allem, wenn man durch das Gewirr von Einbahnstraßen endlich bis zum gepflasterten Marktplatz gedrungen ist. Große, gut erhaltene Bürgerhäuser reihen sich harmonisch aneinander. Und das verzierte Renaissance-Rathaus mit dem dicken roten Rathausturm lässt auf Wohlhabenheit der alten Gothaer schließen. Über den Platz führen zwei Reihen von runden Laubbäumen bis zu den wenigen Stufen, die den Marktplatz mit einem zweiten, steiler ansteigenden Platz verbinden. Diese Anlagen führen dann bis zum Schloss hinauf.

Aber im Moment regnet es wieder stärker und es wird Zeit, dass man sich nach einer Unterkunft umschaut.

Im Hotel „Slowan“ am Marktplatz, das recht einladend aussieht, ist gerade das letzte Zimmer an andere westdeutsche Gäste vergeben worden. Ein weiteres Hotel, in der Nähe des Bahnhofs wirkt unbewohnt. Mehr Unterkünfte scheint es in dieser Stadt nicht zu geben? Auch ein Fremdenverkehrsamt suchen wir vergeblich. Ob wir vielleicht nach Privatzimmern suchen sollten? Inzwischen ist es fast 18 Uhr geworden und wir haben immer noch keine Unterkunft. Vielleicht müssen wir im Auto übernachten? Ich male mir aus, wie wir unsere einzige Decke auf drei Leute verteilen…

Waltershausen

Während wir durch den Nieselregen in Richtung Waltershausen fahren, fällt uns eine Kirche mit einem merkwürdigen Viererturm auf. Die Kirche ragt aus einem aufgelassenen Friedhof, der wie ein Park aussieht und ist von einer niedrigen Natursteinmauer umgeben.

Kurz darauf stehen wir vor einem schönen Fachwerkgebäude. Es ist das Pfarrhaus.

„Wir könnten ja mal den Pfarrer fragen, ob es in seiner Gemeinde jemanden gibt, der Zimmer vermietet?“ Ich renne durch den Regen und öffne die hölzerne Tür. Der Pfarrer befindet gerade in einer Sitzung. Aber als ich ihm erkläre, dass wir eine Unterkunft für die Nacht suchen, ist er sofort bereit, uns selber einen Raum zur Verfügung zu stellen. Das heißt, wenn er uns gefällt!

Über einen geschützten Hof mit blühenden Obstbäumen gehen wir zu einem zweiten Gebäude. Eine Treppe führt in ein großes, helles Zimmer mit mehreren Schlafgelegenheiten. Im Erdgeschoß sehen wir eine Küche und daneben ein Spielzimmer, wie für einen winzigen privaten Kindergarten. Erleichtert können wir uns dann noch einmal in Ruhe die Stadt ansehen. Wir sollen später das Auto einfach in den Hof stellen.

Nach einem ausgezeichneten Essen im Hotel Slowan versuchen wir erneut, Großvaters Geburtshaus zu finden. Es müsste nach der Beschreibung das Eckhaus mit den durchgehenden Gauben sein! Aber das ist das Lucas Cranach Haus. War hier vielleicht einmal eine Handelsschule drin? Eine Dame rät uns, den alten Apotheker zu fragen. Aber die Apotheke hat bereits geschlossen. Eine Schule wäre hier schon einmal gewesen, erklärt eine andere Passantin, eine Hilfsschule! Wir suchen weiter. Schließlich fahren wir zu unserem Quartier zurück, ohne Großvaters Geburtshaus gefunden zu haben.

Im Pfarrhaus werden wir jetzt von einem hellblonden Jungen empfangen. Er stellt sich freundlich mit seinem Namen vor. Die Eltern müssen noch einen Geburtstagsbesuch machen und kämen in einer Stunde zurück. „Können wir vielleicht in der Zwischenzeit die Kirche anschauen?“

„Natürlich!“ der Bursche greift nach einem großen Schlüssel.

Auf dem Weg zur nahen Kirche, bückt er sich plötzlich, um einen Regenwurm von der Straße zu retten.

Dann führt er uns in die ungewöhnlich hohe und schlichte Kirche, mit einem riesigen Kruzifix am Altar und einer großen Figur der heiligen Anna neben dem Eingang. Diese Anna trägt eine winzige Maria und ein Jesuskind auf den Knieen, „Anna Selbdritt“! Wir erfahren von dem Jungen, dass diese wertvolle Figur schon zweimal beinahe von „Leuten aus der BRD“ gestohlen worden wäre.

Überhaupt scheint unser junger Führer ein paar Vorbehalte gegen die BRD zu haben. Während wir auf den baufälligen Turm steigen und später die neu eingerichtete Wasserleitung in der Sakristei bewundern, stellt er uns immer wieder Fragen und bemängelt das zu starke Einmischen und Mitmischen von westlichen Politikern in DDR-Belange.

Mit seinen Gedanken heizt er uns ganz schön ein und bringt uns selber zum Nachdenken. Als wir schließlich wieder aus der Kirche gehen wollen, greift er auch noch nach einem Gesangbuch und will mit uns singen.

Ob es nicht ein gemeinsames Vaterunser täte? Aber unser neuer Freund schlägt nur das Gesangbuch auf und unsere spärlichen Stimmen verlieren sich in dem hohen Gewölbe der Kirche.

Ich muss zugeben, dass ich schon von Anfang an Bedenken, wegen des Geschlechts unseren klugen Begleiters hatte. Aber als sich kurze Zeit später die Frau des Pastors ebenfalls mit dem Namen vorstellt, kommt heraus, dass dieses muntere Kerlchen in Wirklichkeit ein Mädchen ist!

Ihre älteren Brüder sind bereits verheiratet und leben in Erfurt und in der Schweiz. Beide hatten übrigens nicht studieren dürfen, weil ihr Vater Pastor war! Pastor E. ist früher einmal Kirchenmusiker gewesen. Seine Frau leitet den Kirchenchor und die 15 jährige Tochter, soll uns jetzt etwas auf der Geige vorspielen…

„Och, meine Hände sind ganz kalt!“ ziert sie sich erst ein Wenig und lässt ihre Mutter fühlen. Außerdem sei sie in dieser Woche nur einmal zum Üben gekommen.

Während sich der Vater schon ans Klavier setzt und wir uns ein bisschen tiefer in unsere Sofakissen lehnen, klemmt das Mädchen ihre Geige unters Kinn und beginnt zu spielen.

Etwas breitbeinig steht sie da und fegt mit funkelnden Augen mit dem Bogen über die Saiten und durch alle Lagen. Bériot, lesen wir auf dem Notenblatt, das sich der Pastor über die Tasten geklemmt hat, indem er seine Tochter flüssig begleitet.

Einmal stockt das Mädchen, ist unzufrieden mit ihrem Spiel und beide fangen noch einmal von vorne an. Als das Stück zu Ende ist, müssen wir vor Bewunderung applaudieren! Noch niemals haben wir ein derartig mitreißendes Geigenspiel von einem Schüler gehört! Wie sich aber später herausstellt, hat „dieses Kind“ vor wenigen Tagen die Aufnahmeprüfung für die Musikhochschule in Weimar bestanden! Außerdem hatte sie bis jetzt eine Begabtenförderung bekommen. Nur war es ihr nicht erlaubt, an dem Ganztagsunterricht teilzunehmen, weil ihr Vater Pastor ist!

An diesem Abend erfahren wir auch eine Menge über die Zeit in der DDR vor dem 9. November 1989. Über die abendlichen Kundgebungen auf dem Gothaer Marktplatz. Und über die ständige Sorge der Teilnehmer, dass irgendein Mensch aus der Menge gewalttätig werden könnte. Wir hören von dem Abend, an dem sich 20 000 Menschen auf das Lucas Cranach Haus zubewegten, weil dort im 1. Stock der verhasste Staatssicherheitsdienst saß. Ein mächtiger Superintendent soll sich damals in die Tür gestemmt haben, um die wütende Menge so lange zurück zu halten, bis die Stasi – Leute in Sicherheit waren.

Aber vor sechs Jahren, da hatte die Familie E. noch in einem Dorf an der hessischen Grenze gelebt. Dieser Ort war zur gleichen Zeit wie Berlin durch eine Mauer geteilt worden. Vor dem Ort stand die Mauer, dahinter befand sich der Sicherheitsbereich, durch den man nicht ohne Kontrolle gehen durfte. Ganz isoliert musste man dort leben. Man durfte nicht sehen, wenn die Leichenwagen vorfuhren, um Menschen abzuholen, die vergeblich versucht hatten, in den Westen zu gelangen. Und man durfte nicht darüber reden, dass ein Kind von den Hunden der Grenzbeamten getötet worden war.

Warum es der Pastor denn dort überhaupt ausgehalten hätte, wollen wir wissen. Warum? Ja, natürlich, die Menschen haben einen doch gebraucht. Und außerdem hatte man ja immerhin noch die Musik. Doch heute, da kämen auch Kommunisten und würden ihn brauchen. Sie würden ihn fragen, ob ihr ganzes Leben denn bisher falsch gewesen sei? Ob sie 40 Jahre lang an etwas geglaubt hätten, was sich jetzt in Luft auflöst?

In der Nacht hilft uns die Pastorenfrau noch beim Beziehen der Betten. Für den nächsten Morgen sind wir von der Familie zum Frühstück eingeladen!

Diesmal ist der Tisch in einem anderen Zimmer des alten Fachwerkhauses gedeckt. Ein Raum mit einem grünen Kachelofen und einer gemütlich gepolsterten Sitzbank, lässt uns einen Blick in das private Leben einer DDR-Familie tun. Schönes, sorgfältig gehütetes Geschirr, selbstgekochte Marmeladen, Eier, Tee oder Kaffee vom Stövchen und auf der bestickten Tischdecke eine kleine Vase mit goldgelben Frühlingsblumen. Daneben leuchtet das kleine Licht einer weißen Kerze.

Fast hatte ich schon vergessen, dass es die weißen Kerzen waren, deren Licht zuerst nur wenigen, später vielen tausend Menschen bei ihren abendlichen Zusammenkünften in den Kirchen oder auf freien Plätzen diesen wahnsinnigen Mut gegeben hatten! Dass sie ihre gewaltlose Revolution, die so gegen jede Vernunft schien, bis zum Ende durchhalten konnten!

Und während ich noch in das weiche Licht der Kerze blicke, schlägt der Pastor schon sein Gesangbuch auf….

J. A.

P. S. Joachim war damals 12 Jahre alt

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