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Erinnerungen an Sarah Kirsch in Bothel von 1980 bis 1983

Noch eine Geschichte aus Norddeutschland

(Auf eine Anfrage von Heiner und Sabine Wolf – Berlin.)

Warum Sarah Kirsch mit ihrem Sohn Moritz und mit Wolfgang von Schweinitz und ihrer Mutter 1980 ausgerechnet nach Bothel gekommen war, weiß ich nicht.

Kennen gelernt haben wir sie bei einem Kollegen meines Mannes, einem Radiologen, der mit seiner dänischen Frau und den drei Kindern zuerst in diesem flachen Haus, hinter dem Bauernhof von Heini Scheele in der Botheler Dorfstraße gewohnt hatte.

Doch Sarah liebte diese flache, oft moorige Gegend und mochte überhaupt das Landleben. Sie hatte auch eine sehr glückliche Hand mit allen Pflanzen. So konnte man in dem Garten, vor ihrem Haus die wunderbarsten Rosen und Vergissmeinnicht, herrliche Frühlings- oder Sommerblumen, sowie auch Gemüse und Früchte bewundern. Das schlichte Haus, das sich der Bauer als Altenwohnsitz erbaut hatte, wirkte durch diesen wunderbaren blühenden Garten, wie ein Zaubergarten aus einem Märchen.

Im Haus selber war alles schlicht und geschmackvoll eingerichtet. Ein riesiger Flügel diente Wölfchen zum Komponieren. Er komponierte damals, soweit ich mich erinnere an einer Messe. Auch einige Gedichte von Sarah hatte er vertont, sehr schön von Doris Soffel gesungen.

Gerne war ich dort zu Besuch aber noch öfter trafen wir uns hier bei mir in der Diele, stehend in der Küche – oder im Garten. Unsere hinteren Grundstücke waren nur durch eine lange Bauernwiese von einander getrennt. Manchmal stiegen wir einfach über den Zaun, um uns zu besuchen. Neben Sarahs Haus standen auch einige alte Obstbäume. Und es gab, außer der Katze, die sie mitgebracht hatten, noch zwei Kater, Peter und Paul, die sie fütterte.

Ihr Sohn, Moritz, ging damals mit unserer Tochter in das Rotenburger Ratsgymnasium. Oft nahm mein Mann die Kinder im Auto mit. Der Junge müsste bei seiner Ankunft etwa 11 Jahr alt gewesen sein. Er war etwas älter als unsere Tochter und sehr phanasievoll. Mit einem unserer Söhne spielte er einmal im ersten Schnee stundenlang „So weit die Füße tragen“… Außerdem übten die Kinder, mit Moritz ein eigenes Theaterstück ein, das sie später in unserem Wohnzimmer vorführten. Dazu schrieben sie extra Einladungskarten an die Eltern.

Das Verhältnis von Moritz zu Wolfgang war übrigens so gut, dass Sarah sogar in ihrem Testament festlegen wollte, dass Wolfgang der Vormund ihres Sohnes sein sollte, falls sie früher sterben würde.

Sarah war damals zierlich und schlank. Sie hatte rot gefärbte, glatte Haare und eine dicke Brille im Gesicht. Gerne trug sie ausgestellte Hosen und norwegische Pullover. Sie strickte auch selber und knüpfte später schöne Teppiche. Aber erst in Tielenhemme. Sarah wirkte sehr bescheiden in ihrem Auftreten, fast schüchtern, könnte man sagen. Sie hatte eine angenehme Alt-Stimme, rauchte viel, kochte gut, hatte einen netten, manchmal auch deftigen Humor.

Für ihre Mutter fanden wir gleich eine kleine Wohnung in dem Siedlungsgebiet von Bothel. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es die Gartenstraße war.

Frau Lisa Johanna Bernstein war eine sehr liebenswürdige alte Dame. Da man ihr bei der Ausreise viele Aufregungen verursacht hatte, so dass sie bis zum Schluss nicht wusste, ob es nun klappen würde oder nicht, schien sie zuerst sehr froh zu sein, in Bothel leben zu können. Später fühlte sie sich aber wohl doch irgenwie entwurzelt. So gab es eine Zeit, in der sich Sarah großen Kummer machte, weil ihre Mutter viel „zu lahmärschig“ sei, wie die Tochter wörtlich sagte. So passiv sei sie früher nicht gewesen! Später ging es aber wieder besser mit ihr. Mit ihrer Tochter verstand sie sich sehr gut. Sie hatte auch ein besonders nettes Verhältnis zu ihrem Enkel Moritz.

Frau Bernstein las gerne, so lange ihre Augen gut waren – und sie umhäkelte feine Taschentücher, von denen ich einige bekam. 1983 ging sie mit ihrer Tochter nach Schleswig Holstein und lebte dort nicht ungern in einem Altersheim in Heide.

Über die Gedichte, die hier in Bothel entstanden waren, hatte ich schon geschrieben. (Der Trochel, den Sarah besonders mochte, ist ein großer Wald mit riesigen alten Bäumen, mit Tieren und mit seltenen Pflanzen.) Sarah Kirsch füllte mindestens zwei Bände mit Gedichten, die hier in Bothel entstanden waren!*

Als Freunde hatten Kirschs und v. Schweinitz vielleicht die Bauern nebenan, Scheeles und Vajen und uns eben. Zu Besuch kam mindestens einmal Christa Wolf und diskutierte mit ihr (wohl etwas vorwurfsvoll, weil sie in den Westen gegangen war?) über den Sozialismus.

Dann kam einmal Wolf Biermann mit seiner ganzen Familie. Das hörte ich nur nebenbei – und bekam eine Schallplatte von ihm signiert.

Auch Walter Kempowski trat mit Sarah Kirsch in Verbindung und bot ihr seine Hilfe an, falls sie welche benötige.

Sonst waren Kirschs öfters in Hamburg, bei Wölfchens Mutter.

Übrigens arbeitete Wolfgang von Schweinitz meistens bis in die Nacht hinein an seinen Kompositionen. Man sah von uns aus immer das Licht in seinem Zimmer.

Wie Sie wissen, war er erheblich jünger als Sarah. Mit seinem Wuschelhaar und rötlichem Bart sah er ziemlich sturmverweht aus, wenn er auf dem Fahrrad durch den Ort fuhr.

Irgendwann wollten die Beiden sich dann gerne ein eigenes kleines Haus kaufen. Zuerst suchten sie ein älteres Bauernhaus in Bartelsdorf, im Nachbarort von Bothel. Dann zogen sie weitere Such-Kreise und hatten in Huhnhof (oder so ähnlich) etwas in Aussicht.

Allerdings lachte Sarah sich kaputt bei dem Gedanken, wie ein Brief an Wölfchen aussehen würde:

„Wolfgang von Schweinitz in Huhnhof“, das seien zu viele Tiere, wie sie meinte.

Endlich hatten sie, mit Hilfe von alten Freunden, diese winzige Schule an der Eider gefunden.

Es gab sehr viel Arbeit damals. Aber es folgte wohl eine lange glückliche Zeit für die drei, mit dem Hund Robert, der Katze, dem Esel – und mit den Schafen am Deich…

J. A.

* Die Bücher „Der Winter“ und „Katzenleben“ enthalten die Gedichte, die in Bothel entstanden sind.

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