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Erinnerungen – Kapitel 17

Lernschwester beim BRK

Warum ich Krankenschwester wurde

Das Schicksal setzt den Hobel* an…

Dass die Ehe meiner Eltern, trotz des großen Altersunterschieds von 13 Jahren und trotz der unterschiedlichen familiären Lebensmuster gut und haltbar war, lag sicher nicht nur an den beiden Ehepartnern selbst, sondern auch an der Vertreibung. So hart das auch klingen mag.

Mein Vater, 1902 geboren, kam aus einer wohlhabenden Umgebung. Das fruchtbare Saazerland gehörte mit seinen fränkisch geprägten Bewohnern, durch die Eroberungen oder Schenkungen zwar den unterschiedlichsten Landesherren. Die Landeskinder aber sprachen meist fränkisch, mit noch eigenen Ausdrücken…

(Zum Beispiel war mit „Gorkenlootscher“ der lahme Saazer gemeint. Und mit Husen-Ododerer, nur ein Hosenknopf. Nebenbei benutzte man auch jiddische Wörter, wie das Wort „Mame“. Und selbst noch meine Cousins riefen, wenn ich beim Schlittenfahren den steilen Abhang gut herunter kam: „Da hast aba a Massl ghabt!“.)

Es lebten nämlich damals auch viele Juden in dieser Saazer Gegend. Wie die Vorfahren der Schauspielerin Barbra Streisand oder wie der Lieblings-Onkel von Franz Kafka. (Bei dem reichen Hopfenbauern verbrachte der junge Franz Kafka gerne seine Sommerferien.)

Auch die Familie meines Vaters besaß in Flöhau eine Mühle, Hopfenfelder, sowie die Ziegelei und Töpferei und dazu einen Wald. Ihre Söhne sollten, oder mussten alle ein Studium absolvieren. Während ihre Töchter höchstens eine sogenannte Kochschule besuchen durften. Denn sie sollten sich später vor allem dem Haushalt und den Kindern widmen.

Ein großer Wert wurde dabei auf das Kochen gelegt. Es nahm viele Stunden des Tages in Anspruch.

Aber meine Großmutter hatte damit nicht nur ihre Familie zu versorgen, sondern auch oft noch alte Verwandte, sowie Mitarbeiter oder Kollegen des Mannes. Sie musste den Gemüsegarten anlegen und das Obst und Gemüse einwecken. Und zu bestimmten Jahreszeiten kochte sie auch noch in großen Kesseln für die tschechischen Hopfen-Saisonarbeiter mit. **

Im Hause hatte sie allerdings ein Hilfe. Doch niemals mischte sich der Mann in ihre Planungen ein. Es gab hier eine strenge Arbeitsteilung zwischen den Aufgaben des Mannes und der Frau.

Meine Mutter, 1915 geboren, wuchs dagegen in einem Handwerkerhaushalt auf. Ihre Familie lebte, wie schon bekannt, in Mähren, dem schönen Restland, das Friedrich II nach den Schlesischen Kriegen Kaiserin Maria Theresia übrig gelassen hatte.

Während mein väterlicher Großvater also eher verwaltete und im Stadtrat saß, die Jagd liebte und daneben noch als Architekt tätig war…

Stand mein mütterlicher Großvater immer schon in der zweiten Nachthälfte auf, um den Brotteig zu kneten und den Backofen für seine Holzofen-Brote anzuheizen. Aber auch er gehörte dem Zöptauer Gemeinderat an, so dass er nach den Sitzungen noch weniger Nachtruhe hatte.

Doch seine Buchführung, den ganzen Einkauf, sowie den Bäckerladen bedienten die Eheleute gemeinsam. Beruflich und privat waren sie gleichberechtigt, der Meister und seine Ehefrau. Selbst bei der Kindererziehung, beim Wickeln der Jüngsten und bei allen Familienunternehmungen, beteiligte sich auch der Vater „gleichberechtigt mit“!

Ganz selbstverständlich schien es darum, dass auch ihre Töchter später einmal einen praktischen Beruf erlernen sollten! Die einzige Mitgift für ihre vier Mädchen war nämlich dann dieser Beruf…

So unterschiedlich die Lebensmuster der beiden Familien also waren, so spielten diese in unserer Zeit schon fast keine Rolle mehr. Denn der schreckliche Krieg und die Vertreibung setzten auch hier „den Hobel an“! Sie machten alle Vertriebenen, mit einem einzigen Strich gleich: Männer und Frauen, Reiche und Arme, sie alle waren jetzt bettelarm! Ein jeder von ihnen musste wieder ganz neu anfangen und sich den Anforderungen des Lebens stellen.

Der Hausarzt empfiehlt….

Trotzdem waren sich die Eltern selbst in dieser neuen Zeit lange nicht einig, welchen Beruf ich als Mädchen einmal ergreifen sollte! Immer noch hatte mein Vater gewisse Vorbehalte gegen akademische Frauenberufe. Vor allem aber gegen ein langes und teueres Studium, das die Frauen abhalten könnte zu heiraten und rechtzeitig ihre Kinder zu bekommen!

Während sich meine Mutter anfangs noch gegen diese alten Ansichten wehrte, wurde sie nach und nach immer gefügiger. – Vor allem, als sie bemerken musste, dass sie sich mit dem Pentenrieder Hausbau bis an ihre finanziellen Grenzen heran gewagt hatten…

„Jungen sollen studieren, weil sie später einmal ihre Familien ernähren müssen. Ein Mädchen muss nur einen Beruf erlernen, damit sie sich in schlechten Zeiten selber ernähren kann.“ verkündeten schließlich die Eltern.

Ausschlaggebend war dann noch unser Hausarzt, Dr. Bartels, der meine Eltern mit folgenden Worten überzeugte: „Ihre Tochter ist nett und freundlich. Sie könnte eine gute Krankenschwester abgeben! Krankenschwestern sind in allen Kreisen geachtet und werden jederzeit gebraucht. Vielleicht heiratet sie einmal einen Arzt, dann kann sie ihm in der Praxis helfen, wie meine Frau!“

frisch eingekleidet

Frisch eingekleidet aber noch ohne Brosche

Und da ich selber überhaupt noch keine eigene Meinung dazu hatte, wurde ich stracks von meinen Eltern in der „Schwesternschule vom Bayerischen Roten Kreuz“, in München angemeldet.

Dass diese Schule ein Internat war, erfuhr ich erst bei meiner Ankunft. Ich war die Einzige, die am ersten Tag noch ohne Koffer eintraf.

Doch schon bald erlebte ich in dieser Schwesternschule eine stark prägende – manchmal auch bedrückende Zeit! Das Erwachsenwerden – aus einer sehr behüteten Kindheit –  geschah in diesen Jahren.

Aber unglaublich viele menschliche und fachliche Erfahrungen konnte ich in mein späteres Leben mitnehmen!

J. A.

* Aus „Das Hobellied“ aus dem Theater-Märchen „Der Verschwender“ von Ferdinand Raimund (1790 – 1836)

**Interessant liest sich eine Erzählung von Egon Erwin Kisch, dem „rasenden Reporter“ aus Prag, über eine Teilnahme bei der Hopfenernte im Saazerland

J. A.

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