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Erinnerungen – Kapitel 4

Die Vertreibung

Zu Beginn dieses nächsten Teils zitiere ich am Besten meine Mutter, die ihre Erlebnisse in dem Band LEBENSLINIEN. (Siedler schildern ihren Weg nach Pentenried) für das Bayerische Archiv aufgeschrieben hat.

Die Vertreibung aus der Heimat

Es ist im Juni 1946, als der tschechische Nachfolger auf dem Betrieb meines Schwiegervaters, der Pan Anderš uns mitteilt: „In zwei Stunden müsst ihr alle am Rathausplatz sein. Je Person darf 50 kg Habe mitgenommen werden“.

Am Schlimmsten trifft diese Nachricht meinen 83 jährigen Schwiegervater, meine Schwiegermutter ist ganz verstört.

Als wir am Rathausplatz eintreffen, sind schon etwa 30 Flöhauer dort. Nach einer intensiven Gepäckkontrolle beginnt ein 4 Kilometer langer Fußmarsch nach Podersam. Die Habe wird auf einem Wagen nachgefahren.

Am Halander Berg konnte mein Schwiegervater nicht mehr weiter und durfte sich zum Gepäck auf den Wagen setzen. In Podersam kamen wir in ein überfülltes Sammellager. Nicht nur mit Menschen war das Lager überfüllt, sondern auch mit Wanzen. Keine Nacht ließen uns die Biester schlafen. Nach 14 Tagen brachte uns ein Trupp Soldaten zum Bahnhof und wir wurden in fensterlose Waggons verladen. Je 30 Personen kamen mit ihrem Gepäck in einen Viehwaggon. Dicht gedrängt, hockten wir auf unseren Ballen im Dunklen. Einige alte Leute weinten… (Zitat Ende)

Lange Zeit hofften die unglücklichen Reisenden, dass der Zug sie wenigstens in den Westen bringen möge. Ihre Hoffnung wurde enttäuscht, als nach stundenlanger Fahrt zum ersten Mal die Schiebetüren aufgerissen wurden und einige Leute um Trinkwasser zum nahen Bahnhof laufen konnten. „Wir sind jetzt in Deutschland aber leider in der Ostzone!“ berichteten sie.

Die nächste Aufnahmestation war nun das Lager Greiz. Hier wurden alle neu Eingetroffenen zuerst gegen Flecktyphus geimpft und bekamen dann eine leere Wassersuppe und nach der Entlausung ein Matratzenlager zugewiesen.

An diesen Aufenthalt kann ich mich nicht persönlich erinnern.

Nach 3 Tagen ging die Fahrt weiter.

Im Lager Altenburg mussten wir erst einmal alle in Quarantäne. Das Lager soll sehr schön auf einem Hügel gelegen haben, etwas außerhalb der Stadt. Es wäre wohl ein erträglicher Ort gewesen, ohne diesen ständigen Hunger.

Dabei hatten wir es, dank unserer klugen Großmutter, noch etwas besser als die anderen Lagerinsassen. Den Grund dafür möchte ich kurz erzählen.

In dem ersten Lager in Podersam, brachte der tschechische Bäcker morgens das Brot mit einem Pferdewagen. Die runden Laiber lagen locker auf dem Anhänger geschichtet. Als es einmal in der Nacht geregnet hatte, kam das Fuhrwerk auf dem glittschigen Weg kurz ins Schleudern und einige Brote fielen herunter. Den Umstehenden tat es zwar bitter Leid um die schönen Brote aber nur unsere Oma bückte sich und hob 4 beschmutzte Laiber auf. „Wir werden sie trocknen und dann den Schmutz abreiben“, sagte sie. „Wer weiß, ob wir sie nicht noch einmal brauchen können!“

Und genau diese Brote wurden in dem Lager Altenburg unsere Nahrung. Vom äußeren Schmutz befreit, getrocknet, zerbröckelt und in einem kleinen Kissen aufbewahrt, legten wir uns täglich etwas davon in unsere klare Wassersuppe, so dass wir weniger Hunger aushalten mussten, als die übrigen Bewohner.

Drei Wochen etwa lebten wir in Altenburg, wovon ich doch einige Eindrücke behalten konnte.

Ich erinnere mich an einen großen Innenhof, mit festgetretenem Boden und einigen flachen Pfützen. Die ganze Baracken-Anlage wirkte wie um diesen Hof gebaut. Rechts, nahe dem Eingangstor war die Baracke in der auch unsere Familie untergebracht war. Links, etwa bei einem gedachten Uhrzeiger auf der Ziffer 9 lag die stinkende Toilettenbaracke, die von manchen Leuten nur „der Donnerbalken“ genannt wurde. Sie war ebenfalls aus Holz gezimmert, grau, roch von Weitem und konnte nur über zwei schmutzige Holzstufen erreicht werden. Drinnen stank es noch viel mehr. Dort gab es eine Reihe großer, runder Sitzlöcher in dem breiten Holzabsatz, darunter sammelte sich, was man entleerte.

Wir Kinder durften niemals alleine dort hin gehen. Man konnte zu leicht durch das große Loch rutschen, wenn man noch so klein war. Wir sollten auch nichts anfassen. Alles war eklig. Bis heute habe ich große Probleme mit verschmutzten Toiletten…

Dass die zahlreichen, in dem Lager mit uns lebenden Kinder oft verstört wirkten, kann man sich denken.

Manche redeten gar nicht mehr, andere verhielten sich auffallend aufgekratzt und unartig, wie man damals sagte, andere waren nur schüchtern.

Da wir in diesen drei – oder mehr – Wochen weder eine Schaukel noch einen Sandkasten, weder ein Bilderbuch, weder Papier und Stifte oder gar einen Ball zum Spielen hatten, nahm sich vor allem die ältere Schwester meiner Mutter, die von Beruf Hauslehrerin war, der Kinder an.

Wir spielten mit ihr meistens Sing- und Kreisspiele, bei denen alle Kinder mitmachen konnten. „Schau nicht um, der Fuchs geht rum!“, oder „Bäumchen wechsel dich.“

Mein Lieblingsspiel hieß lange Zeit: „Ziehe durch, ziehe durch, durch die goldne Brücke. Sie ist entzwei, sie ist entzwei, wir wolln sie wieder flicken. Mit was? Mit Gras! Erster Stein und zweiter Stein, der letzte muss gefangen sein…“ Dann kommt die Frage: „Was magst du lieber, Apfel oder Birne?“

Und vorher wurde schon heimlich ausgemacht, welches Obst „Engel“ und welches „Teufel“ bedeuten soll…

Wir Kinder hatten große Freude an diesem Spiel, nur einige Erwachsene wurden bei unserem Lied traurig. Vielleicht, weil die „goldene Brücke“ zwischen den tschechischen und deutschen Landsleuten nach Jahrhunderten fruchtbaren, wenn auch nicht immer friedlichen  Zusammenlebens, tatsächlich zerbrochen war?

Nach diesen Wochen in dem Lager Altenburg, wurden wir wieder in Güterzüge und ganz am Schluss sogar in einen Lastwagen verladen und Richtung Sondershausen weiter geleitet. An jeder Station mussten immer einige Familien mit ihrem Gepäck aussteigen.

Uns setzte man mit 25 anderen Flöhauern in Schernberg ins Freie.

Eine Wohnungskommission verteilte uns sogleich in verschiedene Häuser.

Verständlich, dass wir dort nicht gerade freudig empfangen wurden….

Bild von vermutlich Anfang 1948 Das Foto wurde in Schernberg aufgenommen.
Frau Seipold und Frau Enz, ganz links waren befreundete Schwestern. Sie und meine Eltern sind hier etwa so alt, wie Ihr jetzt, z. T. jünger. Unten ist rechts
von mir sitzt der Wiki und links der Peter Enz, daneben mit den (aus Spaß wohl nur geballten) Fäusten der Manfred Seipold, der später Schauspieler wurde.
Soweit ich mich erinnere, wohnte in der Baracke hinter dem Leiterwagen, noch die Löschner Oma. Mein Großvater war da schon gestorben.

 

J. A.