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Geschichten aus Norddeutschland

Es ist schon eine Ewigkeit her…

Vor vielen Jahren gab es ein dickes Buch, das „Leben auf dem Lande“*. Sehr gerne lasen wir zu dieser Zeit auch den Band „Rosinkawiese“ von Gudrun Pausewang. In beiden Büchern ging es um das Leben auf dem Land, das jeweils sehr reizvoll geschildert war.

Und da ich selber in dem kleinen Ort Pentenried, im Landkreis Starnberg, aufgewachsen war. Und da sich später in dem Dorf Worfelden, in der Nähe von Frankfurt, auch unsere Kinder besonders wohl gefühlt hatten. War es nicht schwer zu erklären, warum wir vor 40 Jahren in einem niedersächsischen Bauerndorf, am Rande der Lüneburger Heide, gelandet waren. Nachdem uns unser berufliches Schicksal ausgerechnet in den Norden geführt hatte.

Von der norddeutschen Mentalität, hatten wir allerdings wenig Ahnung. Wir verstanden weder die niederdeutsche Sprache, noch kannten wir ihre Bräuche und Feste.

Beerdigungen am Land

„Die haben hier nur ihre Eichen!“ klagte der junge Pastor, weil seine schlichte, helle evangelische Kirche an jedem Sonntag fast leer blieb. Obwohl er sich viel Mühe mit den Predigten gab.

Aber er irrte sich!

Auch wenn ihm die Gläubigen an den normalen Sonntagen fehlten, so saßen sie doch bei jeder Beerdigung, dicht gedrängt, in der kleinen Kapelle. Der Dunst von feuchten, schwarzen Mänteln vermischte sich mit dem Geruch der Kerzen und Kränze. Und vor dem Sarg blieb jeder erst einmal kurz stehen, um dem Verstorbenen die Ehre zu erweisen. Ich sehe sie heute noch, die alten Bauern und Bäuerinnen, wie sie mit ihren schwarzen Fahrrädern oder gar auf ihren Treckern angefahren kamen. Hochgewachsene Menschen. Leicht gebückt, die älteren, mit ihren großen, schweren Händen. Aber die zahlreichen Strophen der Paul Gerhard Lieder sangen sie alle auswendig!

Unter der Woche schlurften die Leute hier oft noch in ihren dicken Holzpantinen zum Melken hinüber. Die Frauen mit Kopftuch. Die Männer, die dunkelblaue Heidjermütze auf dem lichten Haar…

Aber jetzt, nachdem der Pastor seine Trauer Andacht beendet und auch seinen Segen gesprochen hatte, erhob sich die dunkle Gruppe hinter den Sargträgern, die oft aus sechs Nachbarn bestand, um dem Sarg das Geleit zu geben. Während die Nachbarinnen schon davon huschten, um in dem Gasthof Kaffee zu kochen, den sie später einschenken würden. Und um den Butterkuchen und die mit gebrachten Topfkuchen aufzuschneiden. Sowie die Brote mit Schinken und Hackepeter zu belegen.

Beerdigungen waren in diesen frühen Jahren wohl die ersten Annäherungs-Möglichkeiten für die Zugezogenen. Man konnte es sich als Ehre anrechnen, wenn man als Fremder aufgenommen war und mithelfen durfte.

Denn an dem Tag der Grablegung sollte die Trauerfamilie keine Arbeit haben! Sie sollte sich voll ihrer Trauer widmen können!

Diese schöne, rührende Sitte, die es Jahrzehnte lang in den meisten niedersächsischen Dörfern gegeben hat, ist heute leider den hygienischen Vorschriften zum Opfer gefallen!

Andere Bräuche

Bräuche gab es in dieser Gegend noch viele weitere. Wie auch diese riesigen Hochzeits- oder Silberhochzeitsfeiern in den dörflichen Gasthäusern. Das halbe Dorf feierte bei solchen Gelegenheiten mit. Manchmal kamen dabei über 100 manchmal sogar 120 Gäste zusammen. Da wurde an langen Tischen gespeist. Es gab Hochzeitssuppe, dreierlei Fleisch auf weißen Platten. Gemüse und Salate. Und als Nachtisch gerne heiße Himbeeren auf Vanilleeis…

Die Silberbraut trug ein silbernes Krönchen auf dem Haar, die weiße Braut den Schleier. Wenn die Gäste mit dem Löffelchen an die Gläser klimperten, musste das Brautpaar aufstehen und sich küssen. Und vor dem ersten Tanz schleuderte die Braut den Brautstrauß in die Menge: Wer ihn zuerst auffing, würde die nächste Hochzeit feiern!

Natürlich wurde auch bei jedem Fest getrunken! Zuerst Sekt, dann Wein und am Schluss nur noch Korn. Kornschnaps war das beliebteste alkoholische Getränk in der Gegend. Leider gab es oft schwere Unfälle nach solchen Feiern.

Übrigens brachte man dem Brautpaar keine Geschenke, sondern einen Umschlag mit Geld zu der Feier mit. Hieran zeigte sich das praktische Denken der Landbewohner. Früher, so erzählten die alten Leute, hätte jeder Gast ein Huhn abgegeben. Das Huhn kam in die Hochzeitssuppe. Diese feine Suppe mit Spargel und Eierstich und verschiedenen kleinen Klösschen gibt es auch heute noch in vielen Gasthöfen zu kosten!

Aber zu den Grünkohlausflügen, den Bosseltouren, zum Osterfeuer und bei Beerdigungen und Hochzeiten fehlte auch niemals der klare Schnaps, der Weizenkorn. Es gab auch manche Schlägerei in den frühen Morgenstunden. Vor allem vor der Kneipe, wo nachts an die Fenster getrommelt wurde, um noch mehr Schnaps zu bekommen. Gar manche Scheibe ging dabei zu Bruch… Immerhin spielte man damals noch keine elektronische Musik, so dass die Nachbarn nicht durch das gnadenlose Gewummer der Bässe zu leiden hatten!

Großzügig aber waren nicht nur die Hochzeiten, sondern auch die Konfirmationsfeiern in den Dörfern!

In der Kirche sah man die Burschen noch in dunklen Anzügen und mit Krawatten sitzen. Und die Mädchen in eleganten Kleidern, mit Stöckelschuhen. Gegen Mittag wurde dann in der Familie, mit den Nachbarn und mit Gästen gefeiert. Manchmal trafen sich die Gäste nach dem Mahl noch in getrennten Räumen, Männer und Frauen in einem anderen Zimmer.

Während die frisch konfirmierten Jugendlichen zum ersten Mal Alkohol trinken durften. Weshalb sie immer fröhlicher in kleinen Gruppen von Haus zu Haus zogen…

Damals und heute

Feiern konnten die Dorfleute früher wahrscheinlich besser als heute. Und wenn sich die Möglichkeit bot, dann trugen die Damen dazu auch lange Kleider und Röcke und die Herren ihre besten Anzüge. Längst haben sich auch diese Sitten gewandelt.

Eine andere schöne Sitte aber möchte ich zum Abschluss noch erwähnen.Wir konnten sie mehrmals in unserem Dorf erleben.

Wenn ein Dorfbewohner in eine plötzliche Not geraten ist, sei es durch Krankheit, Feuer oder ein anderes Unglück, dann halfen ihm die Nachbarn, ohne viel Aufhebens zu machen.

Und es gab ein besonderes Konto bei der Sparkasse, auf das jeder, der helfen wollte, anonym Geld für die in Not geratene Familie einzahlen konnte. Diese liebenswerte Tradition gibt es auch heute noch.

J. A.

* Ein praktisches Handbuch für Realisten und Träumer von John Seymour

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