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Lebenserinnerungen – drei unvergessene Lehrer 1

Ursprünglich wollte ich ja auch über meine Schulzeit schreiben. Aber ich fürchte, dass es für die meisten Leser zu langweilig wird. Vor allem für diejenigen, die nicht aus Gauting oder Pentenried stammen. Denen die Namen Rektor Drollmann, Margarete Winkler, Pfarrer Joseph Berghammer, Hataj Adalbert, Dr. Dormuth oder Frau von Molo ganz sicher nichts sagen.

Drei Lehrer aber waren so prägend für mein ganzes Leben, dass ich sie wenigstens kurz vorstellen möchte.

Am Wichtigsten war für mich wohl „das Fräulein Winkler“, die Grete, wie wir sie später nannten.

Margarete Winkler war meine erste Lehrerin in der Gautinger Grundschule. Sehr jung damals noch, hübsch und blond – und voller frischer Ideen. Sie gehörte zu der Lehrergeneration, die sich immer wieder neu damit befasste, wie man seinen Unterricht wirkungsvoll und zugleich kindgerecht und fröhlich gestaltet. Und wie man, neben seiner natürlichen Freude am Lernstoff, auch die musikalischen und kreativen Anlagen in jedem einzelnen Kind noch fördert.

Geboren war die junge Lehrerin in Südmähren, soweit ich mich erinnere in Brünn. Ihre Mutter war schon früh gestorben, der Bruder ein katholischer Priester geworden. Sie selber aber hatte in Wien studiert. Und Wien blieb immer auch die Stadt ihrer Träume.

Nun lebte sie mit ihrem alten Vater in Gauting, am Buchendorfer Berg….

Herr Winkler war ein pensionierter „Taubstummenlehrer“. Sehr geschickt muss er auch manuell gewesen sein. So baute er für unsere Klasse eine eigene Puppenbühne. Auf der wir an jedem Samstag Puppenspiele sehen durften. Sogar die Puppen hatte der alte Herr selber gebastelt. Außerdem zimmerte er für unsere Frühlings – und Weihnachtsspiele die farbenfrohen Kulissen. Und, obwohl er niemals in unsere Klasse kam, gehörte er doch irgendwie mit zu unserer Schule.

Dass die vielen Hausaufgaben, die man trotzdem bekam, nicht immer Spaß machten, vor allem bei schönem Wetter, verzieh man dieser Lehrerin. Nur manchmal beklagten sich die Eltern, wenn die junge Frau gerade die Familien besuchte.

Mit meinem kritischen Vater diskutierte sie noch viele Jahre lang über ethische und religiöse Fragen. Meiner Mutter schenkte sie ein Büchlen voll selbst aufgenommener Fotos und mit eigenen Gedichten. Und mein kleiner Bruder erhielt von ihr sogar den ersten Teddybär.

Uns Älteren schenkte sie eines Tages Karten für eine Opernaufführung im Gärtnerplatztheater. Es war Mozarts „Entführung aus dem Serail“, mit Kurt Böhme, Erika Köth und, soweit ich mich erinnere, mit Fritz Wunderlich als Belmonte. Seit dieser Zeit, malte ich wochenlang nur noch Prinzessinnen hinter kunstvoll vergitterten Fenstern – und junge schöne Prinzen…

Ja, wir alle liebten unser Fräulein Winkler!* Sie schaffte es, unsere natürliche Begeisterung am Lernen zu nutzen und sie mit Freude und Phantasie auszubauen.

Auch noch nach vielen Jahren, als meine Eltern ihre goldene Hochzeit im kleinsten Kreise feierten… Und als mein Vater schon sehr krank war – und kurz darauf auch starb. Damals las uns unser ehemaliges Fräulein Winkler noch ein langes, selbst verfasstes Gedicht vor. Das zitternde Blatt musste sie dabei ganz nah vor die geschwächten Augen halten. Denn auch ihre Gesundheit hatte gelitten.

Doch wie gebannt, lauschten wir auch jetzt noch ihrer Stimme! 

Bis mich mein Vater, der inzwischen kaum noch gerade sitzen konnte, still am Ärmel zupfte:

Sieht sie nicht immer noch schön aus?“ flüsterte er mir zu.

J. A.

*Nach ihrer Eheschließung, hieß sie Hofmann.

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