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Mein erster Schultag – in Gauting 1950

Einschulung Jo

„Du bist bei uns gar nicht angemeldet!“, sagte Herr Maier

„Du gehörst sicher in die katholische Schule.“

Es war September und der erste Schultag nach den großen Ferien. Zugleich aber auch der Einschulungstag für uns Erstklässler. Darum stand ich nun in dieser winzigen evangelischen Schule, im unteren Ortsteil von Gauting. Am Rücken baumelte mein runder Tafelschwamm vom Schulranzen. Und an der Hand hielt ich meine beste Freundin.

Wie Zwillinge würden wir aussehen. Den gleichen Rock, die gleiche Scheife im Haar. Hatten wir doch beide auch die dichten Locken und die braunen Augen. Ihre Haare wirkten allerdings noch etwas heller als meine. Aber das Gesicht war zum Verwechseln, wie uns die Pentenrieder immer sagten.

„Seid Ihr wohl Schwestern?“ wurden wir oft gefragt, wenn wir zusammen durch den Ort gingen.

Unsere Familien stammten beide aus Nordmähren. Jedenfalls der mütterliche Zweig. Und in der neuen Pentenrieder Siedlung trennte uns nur der Zaun. „Wie heißt du?“ hatte ich das kleine  Mädchen gefragt, das mich aus dem Nachbargrundstück durch eine Stachetenlücke betrachtete.

„Willst du mit mir spielen?“

Dieses Zauberwort verwandelte uns zu Schwestern. Und darum wollten wir auch gemeinsam in die Schule gehen. Unsere Eltern hatten nichts dagegen. Allerdings sollte es die evangelische Schule sein. Weil die Familie meiner neuen Freundin zu dieser Kirche gehörte.

Ich jedoch war katholisch, wie die meisten Kinder in dieser Gegend.

Doch warum mussten wir uns trennen? Ich wischte mir die Tränen von den Wangen. Auch Herr Maier konnte nicht helfen. Er war der Lehrer an dieser kleinen Schule. Lehrer in einem Klassenraum mit etwa 18 Kindern. Jungen und Mädchen und alle Jahrgänge in einer Klasse.

Nur meine Freundin durfte sich dann nach vorne setzen. Direkt vor das Lehrer-Pult auf seinem angedeuteten Sockel. Genau vor die schwarze Tafel. Seitlich stand noch ein alter Eisenofen, der jetzt nicht beheizt war. Und an der linken Wand konnte man Bilder und Basteleien von Kindern und in einer Vitrine einen ausgestopften Marder sehen

Die katholische Schule lag eine gute Strecke weit von hier entfernt. Breite Steinstufen führten zu der schweren Eingangstür. Die hohen Fenster waren durch schmale Sprossen geteilt. Und an den gelb verputzten Wänden rankten Spalierbirnen, die sich der Hausmeister gepflanzt hatte. Während die runden Ahornkronen den hinteren Hof begrenzten…

Hastig klopfte meine Mutter an eine Tür im Erdgeschoß. Wie waren fast eine Stunde zu spät. Eine blonde junge Frau öffnete. In ihren Armen hing ein silbernes Akkordeon mit vielen Tasten und Bässen. „Kommen Sie herein!“ rief sie munter. „Du bist sicher die vermisste Hanni?“ wandte sie sich an mich. „Komm, wir lernen gerade noch ein Begrüßungs Lied!“

„Komm Schöpfer Geist,  kehr bei uns ein, besuch das Herz der Kinder dein…“

„Wir beten nämlich immer, bevor die Schule beginnt.“ erklärte die Lehrerin. „Und der Text passt gut zum Schulanfang!“ Sie lachte.

Am Schluss sollten sich alle Kinder an den Händen fassen und gemeinsam verabschieden. Und ich durfte mir für den nächsten Tag einen Platz aussuchen.

Links saßen die Mädchen, rechts war die Reihe der Buben. Vorne das Lehrer-Pult, daneben die Tafel, eine Glasvitrine und ein Abfallkorb.

Alles war hier größer oder neuer als in der evangelischen Schule. Und an der vorderen Wand hing seitlich ein Kruzifix.

Schließlich entdeckte ich unter den Kindern einen Pentenrieder Jungen. Auch er war ein Nachbarkind. Er hieß Edgar. Schnell setzte ich mich neben ihn, mitten in die Jungenreihe.

Am Nachmittag schenkte mir meine Mutter eine selbst geklebte Schultüte. Die Tüte war mit  Birnen und Süßigkeiten gefüllt.

Mein erster Schultag war etwas ungewöhnlich verlaufen. Und die getrennten Konfessions-Schulen weichten auch bald die Freundschaft mit Hannelore auf. Es gab andere Kinder, mit denen man jetzt spielen konnte.

Erst im Teenageralter, konnten wir in einer anderen Schule doch noch nebeneinander sitzen.

„Seid ihr wohl Schwestern?“ fragten uns die Leute.

J. A.

P. S. Die freundliche junge Lehrerin hieß Fräulein Winkler, später Frau Hofmann. Von ihr werde ich sicher noch erzählen.

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