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Lebenserinnerungen – unvergessene Lehrer 3

Ich merke, es ist nicht einfach, diese Frau zu beschreiben…

Kühl und beherrscht im Auftreten. Zierlich von Gestalt. Kleiner Mund, schmale Nase, leicht gebogener Nasenrücken. Graumeliertes, dichtes welliges Haar, gepflegter Haarschnitt. Dunkelbraune, etwas stechende Augen. Und ein Figur-betonendes Küstüm. Im Sommer aus bräunlichem Stoff, im Winter aus feinem Wollgarn. Manchmal auch mit kleinem Pelzkragen. Die Schuhe passend zum Kostüm. Ihr Name war

Irene von Molo.

Irene war  die Nichte des Schriftstellers Walter von Molo, den mein Vater noch kannte. Dieser viel gelesene Literat, soll der Erfinder des Begriffes der „inneren Emigration“ gewesen sein. Er hatte das Dritte Reich in Murnau überstanden, ohne je Nazi gewesen zu sein.

Frau von Molo kam als Deutschlehrerin in unsere Klasse.

„Die Molo“, nannten wir sie alle – oder gar „der Moloch“. Und sie rief uns nur mit unseren Nachnamen auf. Wir waren damals eine reine Mädchenklasse. Wir schätzten ihren interessanten Unterricht. Aber fürchteten zugleich auch ihre spitze Zunge.

Für mich blieb sie eine ganz besondere Lehrerin. Nicht weil sie meine Aufsätze gerne las. Oder weil sie uns die deutschen Klassiker näher brachte. Schiller, Kleist, Lessing und Goethe oder Gottfried Keller lasen damals alle Schüler in der Mittelstufe.

Auch der alte Grimmelshausen und natürlich die neueren Dichter und die Romantiker standen im Lehrplan. Außerdem noch manche Dichterinnen, wie Annette von Droste Hülshoff, Lulu von Strauss und Torney oder Marie von Ebner-Eschenbach. Viele kannte ich bereits aus meinem Elternhaus.

Was mir die Eltern in dieser Zeit jedoch nicht bieten konnten, waren die vielen Theaterbesuche, die wir Frau von Molo zu verdanken hatten!

Dass wir im Winter so oft nach München fuhren. Um die damals noch meist werktreu aufgeführten Theaterstücke zu erleben. Und dabei so wunderbare Schauspieler wie Rolf Boysen, Thomas Holzmann oder die junge Agnes Fink, die Ehefrau von Bernhard Wicki, auf der Bühne zu sehen. Wo hätte man dieses hohe Niveau für 2 Mark sonst noch erhalten können? Und zudem  die abendliche Fahrt mit Bahn und Straßenbahn in der erleuchteten Stadt… Oder das leichte Abenteuer, mit dem Fahrrad vom Gautinger Bahnhof wieder durch den dunklen Wald zurück zu radeln…

Für mich jedenfalls, waren diese Theaterbesuche die Höhepunkte meiner ganzen Schulzeit.

Viele Jahre später, als uns die pensionierte Lehrerin in Bothel besuchte. Da lernte ich sie auch von einer anderen Seite kennen. Nicht mehr als kühle Pädagogin, sondern als weit gereiste und vielseitig interessierte, einfühlsame Gesprächspartnerin. Ein Wenig auch, als etwas einsame Frau.

J. A.

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