Erzählungen Sonstiges

Eine Geschichte aus dem Waisenhaus

Fürchte Dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Jesaja 43,1

Immer wenn ich dieses schöne und berührende Bibelzitat lese, fällt mir ein alte Geschichte ein, die mir meine Lehrerin erzählt hat.

Sie selber unterrichtete nämlich in ihrer Jugend nicht nur die kleinen Grundschüler, sondern gab auch einige Stunden Unterricht in einem Waisenhaus, wie das damals hieß. Und zwar nicht direkt in dem Waisenhaus, wo die kleinen Kriegswaisen lebten, sondern in dem Heim für schwer erziehbare Mädchen, das dem Haus angeschlossen war.

Diese Mädchen waren alle irgendwo von der Polizei aufgelesen…

Einige waren mehrmals von zuhause ausgerissen. Manche sind auch bei Diebstählen oder gar Einbrüchen erwischt worden. Andere hatte man total ausgehungert und verwahrlost in den Kellern der zerbombten Häuser gefunden. Es gab unglaublich viel Not und Elend in diesen Nachkriegstagen!

Die Heimmädchen aber sollen schrecklich gewesen sein! Nicht nur, dass sie manchmal nachts aus den Fenstern kletterten, um sich mit ihren alten Freunden zu treffen. Oder, dass sie sich gegenseitig beklauten, stritten, sich prügelten und verletzten.

Auch den Lehrern sollen sie oft üble Streiche gespielt haben. So dass es die meisten Pädagogen jedesmal Überwindung gekostet hätte, in diese aggressive Klasse zu gehen.

Aber der Unterricht musste sein! Und das Heim lebte von den Zuwendungen der Kirche und der Kommune, sowie von den Spenden einiger Firmen und privater Personen.

Eine der privaten Wohltäterinnen war eine alte Dame, sehr alt soll sie sogar gewesen sein. Ich kann mich nicht erinnern, ob sie eine vermögende Adelige war. Oder eine Unternehmerswitwe? Auf alle Fälle eine spendable Person!

Eines Tages meldete der Sohn dieser Dame. Seine Mutter würde gerne das Heim besuchen. Das Waisenhaus, im vorderen Teil des Gebäudes und die Klasse der schwer erziehbaren Mädchen.

Über diesen Wunsch der alten Dame, erschrak das ganze Kollegium!

Zu diesen wilden Mädchen wollte sich die alte Frau wagen?

Das konnte nur schlecht ausgehen!

Ganz sicher würden die furchtbaren Schülerinnen die arme Frau nur verspotten. Oder sie vielleicht gar schubsen und zu Fall bringen?

Alles Mögliche wurde befürchtet, denn man traute den Mädchen nur Schlimmes zu.

Bis dann der Tag des Besuches kam, den alle Diplomatie der Direktorin nicht verhindern konnte.

Atemlos beobachtete die junge Lehrerin, wie die alte Dame, weißhaarig und zart, auf einen Stock gestützt, in das Klassenzimmer trat.

Wie sie dann lächelnd nach vorne ging und sich neben das Lehrerpult stellte.

Um sogleich jede einzelne Schülerin, die noch mit starren Mienen in den Reihen gehockt hatten, nach vorne zu bitten.

Fünfzehn Mädchen waren es. Und jede wurde von der alten Dame mit Handschlag begrüßt! Und jede beugte sich dann zu der kleinen Frau hinunter, nickte und flüsterte etwas mit der Besucherin.

Einige machten, zum allergrößten Erstaunen der Erwachsenen, sogar einen Knicks. Bevor sie wieder völlig ruhig in ihre Bänke zurück gingen.

Beim Abschied, winkte die alte Dame noch einmal freundlich in die Runde. Und die Mädchen lächelten und winkten ihr zurück.

„Nun verraten Sie mir bitte unbedingt, was Sie dort vorne mit den Mädels geflüstert haben!“ Fragte die Direktorin später in ihrem Büro. „Haben Sie wohl einen Zauber angewendet? Die Mädchen waren ja heute völlig verwandelt!“

„Nein“, lächelte da die alte Dame. „Ich habe nur jede Einzelne nach ihrem Namen gefragt! Und ich habe jede Einzelne auch gefragt, ob sie weiß, was ihr Name bedeutet.“

Sie lächelte wieder.

„Das sind wirklich ganz reizende junge Mädchen!“

J. A.

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