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Üb‘ immer Treu und Redlichkeit – oder mein erstes Poesiealbum

Üb immer Treu und Redlichkeit

oder – mein erstes Poesiealbum

Meine Eltern konnten diese kleinen Poesiealben, die bei uns Mädchen gerade in Mode waren, nicht leiden. Quadratisch geformte Bändchen waren das, zeilenlos und mit einem abwischbaren Einband. In den Schulstunden tauschten wir sie schnell untereinander aus. „Schreibst du mir noch ins Album?“ Jede Freundin musste sich mit einem kleinen Spruch und einem Bildchen eintragen. Manchmal durfte auch ein Junge etwas in das Album hineinkritzeln mit seinem Tintenfederhalter. „Aber bitte keine Eselsohren knicken – und nicht klecksen!“ Das war gar nicht so einfach, denn die spitzen, gespaltenen Stahlfedern, die man in den hölzernen Federstiel steckte, spreizten sich manchmal beim Schreiben plötzlich auf und spritzten dabei kleine, zackige Tintenkleckse mitten aufs Papier! Tinten- Flecke konnte man damals weder wegradieren, noch mit anderen Mitteln entfernen. Tintentöter gab es noch nicht. So war man meistens dazu gezwungen, mitten im Text fantasievolle Bildchen, Herzchen, Blumen, Blätter oder Tiere über die unerwünschten Kleckse zu malen.

Liebe Leute, groß und klein,

haltet mir das Album rein!

Reisst mir keine Blätter raus,

sonst ist’s mit der Freundschaft aus.

Stand meistens ganz vorne im Poesiealbum zu lesen. Und eine Mitschülerin, die gar nicht unbedingt eine beste Freundin war, schrieb auf die letzte Seite

Ich schreib‘ dir auf das letzte Blatt,

weil ich dich am liebsten hab‘,

wer dich noch lieber hat als ich,

der schreib‘ sich bitte hinter mich!

In fast jedem Mädchen-Album konnte man auch folgende Sprüche finden

Unter Rosen und Narzissen

fließe sanft dein Leben hin.

Sanftmut sei dein Ruhekissen,

Tugend deine Führerin.

oder

Hinter einem Rosengitter,

liegt ein Herz das weint so bitter,

heb‘ es auf, zerbrich es nicht,

denn es heißt Vergissmeinnicht.

oder

Marmor, Stein und Eisen bricht,

aber unsre Freundschaft nicht.

Einige Freunde, die eher lustig sein wollten, wählten diesen Spruch

Lebe glücklich, lebe froh,

wie der Mops im Haberstroh!

Oder sie gaben uns auch diesen guten Rat

Wer schon am Morgen zweimal schmunzelt,

wenns regnet nicht die Stirne runzelt,

wer abends singt, dass es laut schallt,

wird sicher hundert Jahre alt!

Mein lieber ungarischer Lehrer, den ich immer noch sehr verehre, schrieb mir einen frommen Text ins Album

Üb immer treu und Redlichkeit,

bis an dein stilles Grab

und weiche keinen Finger breit

von Gottes Wegen ab.

„Das ist aber doch alles keine Poesie!“ murrte mein Vater. Und er lehnte es ab, in mein Poesie Album zu schreiben.

Meine Mutter dagegen malte mir ein Bild von einer alten Frau, die mit ihrem Mann in einer grünen Laube auf einem Bänkchen hockte

Wenn Du einst als Großmama

sitzt bei deinem Großpapa

dann denke auch in deinem Glück

einmal an mich zurück!

„Man muss nicht jede Mode mitmachen“, meinte sie trotzdem mit errötetem Gesicht…

Bis unsere Oma schließlich ihr eigenes Album aus ihrer Schublade nahm.

Die ganze Zeit hatte sie schon im Gang gestanden und auf etwas gewartet. Nun schlurfte sie in ihren grauen Hausschuhen ins Zimmer hinüber und brachte uns ein schmales, rechteckiges Büchlein mit einem wunderschön verschnörkelt-verzierten Umschlag. 1896 stand ganz vorne geschrieben und darunter der Mädchenname meiner Großmutter.

Und dann sahen wir die fein gemalten Zeichnungen, die Blumen, die Vögel, einen Fuchs, der sich an einer Rebe hoch stellte. Wir sahen schicke Damen in langen Kleidern und mit weiten Hüten, Pressbildchen von Puppen – und immer wieder Blumen und Vögel. Auf der gegenüberliegenden Seite aber standen, wie bei uns die Sprüche mit den Namen der Mädchen, die damals in Großmutters Klasse gingen.

Vorsichtig blätterte mein Vater immer weiter durch die vergilbten Seiten. „Kannst du es lesen?“ fragte er. „Es ist in alter deutscher Schrift geschrieben.“

„Üb immer Treu und Redlichkeit…“ entzifferte meine Mutter nun ein paar Zeilen.

.Mein Eintrag in Heidis Album

Auf einer weiteren Seite fand sie sogar den Spruch stehen, den ich gerade meiner Freundin Heidi ins Album schreiben wollte!

„Sehr interessant!“ murmelte mein Vater schließlich, als er meiner Oma das Büchlein wieder zurück gab…

„Ein schönes Andenken an deine Schulzeit!“

J. A.

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