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Wie wir Landkinder damals schwimmen lernten

Würm bei Gauting

Fahrrad fahren konnten wir schon recht früh. Dazu rannte unser Vater nur einige Nachmittage lang, schnaufend und mit bebender Zunge, hinter dem kleinen, schwarzen Herrenfahrrad her, das er für uns organisiert hatte. Seine Absicht war, uns anzuschubsen, damit man mit genügend Schwung das Gleichgewicht halten und bald alleine fahren konnte. So ging es bei meinen Brüdern, die es sicher schneller lernten und so klappte es auch bei mir.

An dieses Gefühl, wie ich dann immer kräftiger in die Pedale trat, erinnere ich mich noch heute. Bis mein Vater schließlich ganz atemlos zurück bleiben musste. Um nur noch ein krächzendes: „Du kannst es ja!“ zu schreien. Woraufhin ich mich umdrehte – und im nächsten Augenblick schon mit brennenden Schürfwunden an Händen und Knieen im Graben lag. Aber – so lernte man radfahren!

Schwimmen lernen

Weniger leicht funktionierte bei uns der Schwimmunterricht. Denn so malerisch auch die kleine Siedlung im Kreuzlinger Forst lag, so hatten wir doch kein Schwimmbad in der Nähe. Zwar gab es Feuerwehr- und Ententeiche in manchen Nachbar-Dörfern. Aber die waren trüb und schmutzig und es wurden oft schaurige Geschichten erzählt, von kleinen Kindern, die darin ertrunken seien.Der beliebte Wesslinger See jedoch lag mindestns 6 Kilometer entfernt, der Starnberger See sogar 10 Kilometer. Daneben gab es nur noch die eilig fließende kalte Würm*, die in sanften Windungen malerisch durch Wälder, Auen, Moor- und Schilfgebiete, wie auch durch mehrere Ortschaften floss. Es gab darin Forellen und sogar wohl kleine Muscheln. Und es führte eine liebliche Moränenlandschaft um sie herum. Aber der Wasserstand des schmalen Flusses war meistens so niedrig, dass man darin höchstens waten konnte.

Nur an einer Stelle hatte man das Wasser angestaut. Hinter der Gemeinde Gauting und noch ein gutes Stück von der Reissmühle entfernt, fasste man die Würm zu einem Freibad ein. Ausgestattet mit einer großen Spiel- und Liegewiese und mit kalten, hölzernen Umkleidekabinen.

Schon von Weitem hörte man dort nicht nur die vielstimmigen Rufe der Kinder schallen. Sondern auch das kräftige Organ des Bademeisters. Während er einen vor Kälte zitternden Schüler an einer Angel durch das angestaute Wasser führte: „Eins und zwei – und eins und zwei – und – heb den Arsch beim Schwimmen hoch! Und achte gefälligst auf deine Beinbewegung!“ Er soll beim Militär für diesen Ton bekannt gewesen sein. So flüsterte man sich zu. Am Ende des kalten Bades, stieg dann ein nahezu violett gefärbtes, schlotterndes Kind weinend aus dem Wasser. Um gleich wieder an der Angel von vorne beginnen zu müssen…

Diese Schwimmstunde ließen mich meine Eltern nur einmal versuchen… Meine Brüder wurden, soweit ich mich erinnere, sogar ganz davon verschont.

Denn schwimmen lernen, konnte man auch auf freundliche Weise. Davon waren unsere Eltern überzeugt.

Damit die Mühe nicht am zu kalten Wasser scheitern sollte, suchten sie den wärmsten See aus dem ganzen Seengebiet aus. Es war der kleine Eßsee**, ein Moorsee, fast noch ein Teich, der inmitten einer unberührten, natürlichen Landschaft lag. Sogar Orchideen sollen dort gewachsen sein und das nahe Moor wurde von zahlreichen Tieren bewohnt.

Nur eine einzige Stelle war den wenigen Badegästen zugänglich. Hier stellten wir die Fahrräder an eine Birke und und breiteten unsere Decke aus. Mein größerer Bruder und ich bekamen jeweils einen aufgeblasenen, schwarzen Fahrradschlauch doppelt unter die Brust gebunden. Und so lernten wir in dem samtig weichen Moorwasser das Schwimmen. Während der kleinere Bruder noch unter Aufsicht des einen Elternteils am Ufer Dämme baute…

Bald schon schafften wir die ersten freien Züge im Wasser und wetteiferten, wer von uns wohl weiter kam. Bis wir Beide uns sogar zu unserer Mutter wagten, deren Kopf entfernter aus dem Wasser ragte.

Eifrig schwammen wir nun von zwei Seiten auf sie zu…

Dabei bemerkten wir nicht, dass der See an dieser Stelle schon tiefer war. So dass unsere Mutter bereits keinen Grund mehr unter den Füßen hatte. Ihr abwehrendes Winken konnten wir nicht deuten und ihr Rufen verhallte über dem Wasser.

Und als wir sie schließlich erreicht hatten und schon Beide zugleich an ihr hingen, sanken wir alle drei ganz sachte in die Tiefe. Ich kann mich noch erinnern, dass über mir auf einmal helles Wasser stand und dass es weiter unten dunkel und kühler wurde. Aber auch, dass dieses Wasser über uns sehr schön aussah…

Bevor wir Kinder die Gefahr begreifen konnten, war auch schon unser Vater heran geschwommen. Er riss uns mit sich in die Höhe, während unsere Mutter zugleich prustend und Wasser spuckend von selber hoch kam und zum Ufer schwamm.

Alles war so schnell gegangen, dass die anderen Badegäste es wohl kaum bemerkt hatten! Und nur wir Kinder und unser kleiner Bruder fühlten am Verhalten unserer geschockten Eltern, dass soeben etwas sehr Aufregendes passiert war.

Immerhin konnten wir jetzt schwimmen!

Während jüngere Kinder noch mit Fahrrad-Reifen oder luftgefüllten Schweinsblasen oder auch mit Korkringen im kalten Wasser stehen mussten. Und manche von ihnen sogar noch an dieser schrecklichen Angel hingen…

Bis dann, viele Jahre später, auch in ländlichen Regionen das Erlebisbad mit angewärmtem Wasser erbaut wurde. Oder gar ein großzügiges Hallenbad, wo freundliche Bademeister die nächste Generation im Schwimmen unterrichteten!

Die Würm im Mühltal Foto Wikipedia

J. A.

*Die Würm fließt in den Starnberger See, weshalb der See auf alten Landkarten noch Würmsee heißt. Und aus der letzten Würmeiszeit stammen auch die malerischen Endmoränen, die das Voralpengebiet so lieblich gestalten. Auch die kleinen Moortümpel und die größeren Seen, sind der letzten Eiszeit zu verdanken.

** Der Eßsee, ein besonders bei Ornithologen beliebtes Naturschutzgebiet, wurde vor allem durch Konrad Lorenz und seine Beobachtungen an Graugänsen bekannt. Der winzige See liegt in der Nähe des Klosters Andechs, sowie der auch geologisch interessanten Maisinger Schlucht.


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