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S’ist Feierabend – noch einmal Pentenried

Vorwort

„Aus allen Teilen des ehemaligen Ostens Deutschlands kamen die heimatlosen, entwurzelten Menschen in das vom Krieg zerstörte Land. So weit möglich, versuchte die Bayerische Staatsregierung die Menschen zu integrieren und ihnen eine neue Heimat zu bieten. Unter diesen Voraussetzungen entstand die Siedlung Pentenried.“

Aus der Chronik „LEBENSLINIEN Siedler schildern ihren Weg nach Pentenried“ von Franz Ponzer, Pentenried im Februar 2003

S’ist Feieråbmd – oder die ersten Pentenrieder konnten aber auch gut feiern

Es ist ein warmer Sommertag. Der harzige Geruch der Kiefern umweht mich, während ich die schwere Kanne über den Friedhof zum Elterngrab schleppe. Winzige Meisen hüpfen durch die hohen Baumkronen. Einzelne Kiefernzapfen liegen auf den Pflastersteinen, wo sich eine wilde Glockenblume durch die Ritze drängt.

Etwas weiter hinten liegt das Grab mit dem kleinen Dach über dem Sockel. In seiner Nische steckt noch ein abgebranntes Windlicht vor dem Foto unserer Mutter. Nahe den Eltern ruhen auch Tante Bertl und Onkel Walter im Schatten der Kiefern. Walter Löschner, der Architekt, der hier die ersten Häuser entworfen und Straßen benannt hatte. Aber nicht über unsere Familie möchte ich hier schreiben, sondern über einige alte Pentenrieder, deren Namen man schon fast vergessen hat. Und die doch einmal das Leben des Ortes so lebendig gestaltet und durch ihren Fleiß und ihren Humor geprägt hatten.

Die meisten dieser ersten Siedler kamen aus dem Egerland

Die Eger entspringt im deutschen Fichtelgebirge, erreicht bei Hohenberg die böhmische Grenze und fließt in gewundenen Schleifen durch „Böhmens Hain und Flur“ bis sie schließlich in die Elbe mündet. Das Land um die Eger, das Egerland muss immer schon ein sehr reizvolles und fruchtbares Land gewesen sein, mit reichen Bauern, Hopfenbauern sowie Händlern. Mit einer weltberühmten Bierkultur und viel Musik. Aber auch die schönsten mittelalterlichen Städte im ganzen Königreich spiegelten sich im Wasser der Eger. Die alte deutsche Reichsstadt Eger – berühmt durch Wallenstein, das weltbekannte Kurbad Karlsbad, das reizende Kaaden und das schöne Saaz gehörten zum Egerland. Erst bei Leitmeritz fließt der Fluss in die Elbe, nachdem er noch zahlreiche Nebenflüsse, wie auch den Flöhauer Goldbach in sich aufgenommen hat.

„Wo Weizen und Wein gedeihen, kann man gut essen und gut feiern.“ Den Weizen haben sie dort zurücklassen müssen. Den Wein sicher auch… Aber was sie mitnehmen konnten, waren ihre alten Lieder, ihre Rezepte, ihre fleißigen und ausgebildeten Fachleute sowie ihren heimatlichen Dialekt und ihre Lebensfreude.

Egerlanda halts enk zamm!

Besonders beliebt waren darum wohl auch die ersten Pentenrieder Hausbälle im Fasching. Wo sich die Gäste mit viel Phantasie verkleideten. Irgendwoher wurde ein Plattenspieler organisiert oder es spielte jemand auf dem Akkordeon und schon erklangen Walzer und Polka, zu denen auch gesungen wurde. Man trank Bier oder billigen Wein und tanzte in den geschmückten Räumen, sogar noch in manchen, die noch gar nicht ganz fertig waren oder im Hausflur.  Oft wurden auch zwischendurch noch lustige Spiele gemacht oder übermütige Sketche aufgeführt.

(Hanika Franz und Schlosser Franz Josef)

Der Durlhofer

„I bin der Durlhofer von der Sunnaleit‘n, I ha an Krautacker und a Heberleitn‘n,

I hab zwoa Goaß im Stall und zwoa Böck am Pluag, Schneid auf saubre Madln hamma gnuag…“

Irgendwann holte die Gastgeberin dann ihre selbst gebackenen Faschingskrapfen aus der Kredenz und man merkte, wie es still wurde, weil sich die Gäste damit beschäftigen. Um Mitternacht kehrte die Frau dann die ganze Gesellschaft unter lauten Protesten, Späßen und Gelächter mit einem langen Besen aus dem Haus hinaus.

„Dreck, Dreck, Dreck, der Fasching, ist jetzt weg. Pfeif‘ma auf‘n Fasching rein, wenn er will nicht länger sein.“

Als ich schon in die Schule ging, gab es auch Sportfeste auf dem freien Platz vor der Römerstraße. Unser Kaufmann, Herr Papelitzky, der Lehrer Elsner, Herr Peter, Herr Frenzel und Herr Bauer (?) nahmen am Vormittag den Sportlern die Leistungen für die Urkunden ab. Am Nachmittag wurde gefeiert. Man tanzte auf einer hölzernen Bühne, die mit Birkenreisig geschmückt auf der freien Wiese errichtet war. Wir Kinder freuten uns, herumzustrolchen, die tanzenden Paare zu beobachten und uns aus einem der Würstchenstände, die am Waldrand aufgebaut waren, bei Frau Adele Baumgartner oder Frau Lorenz Wiener Würstchen zu holen. Während die Unterbrunner Blaskapelle fleißig die bekannten Schlager spielte. „Anneliese, ach Anneliese, warum bist du böse auf mich?“

Ab den 50er Jahren fanden viele Feiern in dem neuen Saal des Gasthauses Goller – später Gasthof Lorenz statt. Bekannt und berühmt waren hier vor allem die Pentenrieder Faschingsbälle* der Vereine, zu denen immer auch auswärtige Gäste kamen.

Eine Freundin erinnert dazu eine köstliche Geschichte aus den 50er Jahren.

Im Gollersaal fand nämlich auch der sonntägliche Gottesdienst statt. Frau Dotzauer, die treue Mesnerin, übersah dabei ein Plakat vom Faschingsfest davor: „zur Hölle“! Dieses  Schild hing versehentlich noch über dem Altar…

Auch zeigte man in diesem Saal noch die Weihnachtsspiele der Kinder, von unserer Mutti sorgfältig einstudiert. Wofür die Frau Dotzauer auch die Gewänder nähte. Und im Mai fanden die Muttertagsfeiern statt, die vermutlich über die Landsmannschaft und den Singkreis organisiert waren. Herr Bielohlawek musizierte dann mit seinen Schülern, dem Kren Stefan und dem Löschner Walter und die Möhwald Christl begleitete sie mit ihrer Ziehharmonika. „Leise zieht durch mein Gemüt…“Oder „Wenn du noch eine Mutter hast, dann danke Gott und sei zufrieden.“  Manchmal trat auch die Frau Witschel ans Klavier. Auch Frau Schuler half regelmäßig bei den Festen mit und die junge Frau Heckl, die noch die Egerländer Sprache kannte, brachte uns lustige Lieder bei, wie das vom schönen „Rossbouten Bou“.

Die alten und die jungen Mütter aber saßen auf den Zuschauerstühlen und freuten sich bei Kaffee und Streuselkuchen, ihre Kinder auf der Bühne zu sehen.

Eines der schönsten Feste war wohl die jährliche Sonnwendfeier im Juni, die anfangs noch in der Kiesgrube veranstaltet wurde. Wundervoll klangen die Lieder des Chores, während die Sänger vom flackernden Feuer beleuchtet, ein besonderes Bild darboten. Um die Feuerstelle standen oder sprangen auch wir Kinder, die noch länger aufbleiben durften. Bis die Flammen allmählich erloschen und in den Büschen die ersten Glühwürmchen flimmerten.

Viele lebendige Vereine sind in diesen Jahren in Pentneried entstanden! Der Gesangverein, der Motorrad Club, der Turn- und Sportverein mit seinen verschiedenen Abteilungen, eine Pentenrieder Burschenschaft, die den Maibaum aufstellte.

Den Singkreis hatten schon sehr früh zwei pensionierte Lehrer mit unserem Onkel Walter ins Leben gerufen. Denn was konnte die entwurzelten Menschen besser aufbauen und die neuen Siedler besser zusammenbringen, als gemeinsam zu singen? Singen und feiern! Diese Erkenntnis des Oberlehrers Friedrich Heckl, des Lehrers Karl Elsner und unseres Onkels, Walter Löschner gebar einen der wichtigsten Vereine dieser ersten Jahre, den Singkreis Pentenried!

Später kam auch noch ein Kirchenchor dazu, von Herrn Ponzer sen. geleitet. Herr Ponzers Familie, wie auch wir – über unsere Mutti – und die Familie Rohrbach, stammten aus Mähren. Aus Mähren war auch der alte Herr Ostermann, dessen Frau sogar mit unserer Zöptauer Oma noch zur Schule ging. „Komm och wieda!“, klingen mir heute noch ihre freundlichen Abschiedsworte im Ohr. Auch die Familie Schörnich und die Familien Kraus und Bauer stammten aus Mähren.

Beim Feiern aber gab es keine Grenzen zwischen Böhmen und Mährern, zwischen Einheimischen und Zugezogenen, zwischen den Batschka- Deutschen und den Siebenbürger Schwaben oder den treuen Familien aus dem Böhmerwald, die auch noch meist sehr musikalisch waren. Auch einige Ostpreußen gab es, die den Chor durch ihre schönen Stimmen bereicherten.

Zum Abschluss möchte ich noch an drei Lieder erinnern, die vom Singkreis nach mancher fröhlichen Feier noch gesungen wurden, bevor man auseinander ging…

Fein sein, beinander bleibn‘

mags regn‘ oder windn‘, oder aber schneibn‘,

Fein sein, beinaner bleibn‘ . (Lied aus Tirol)

’s ist Feierabend, ’s ist Feierabend,
Das Tagwerk ist vollbracht,
’s geht alles seiner Heimat zu,
Leis zieht herauf die Nacht. (Anton Günter, 1903)

Gute Nacht, gute Nacht,

alle Mühen sein vollbracht.

Neigt der Tag sich still zu Ende,

ruhen alle fleißg‘en Hände.

Bis der Morgen neu erwacht

Gute Nacht. (Theodor Körner, Nachl. von 1815)

J. A.

Das Bild von „Franz und Franz Josef“ stammt von meinem Vater, Ludwig Löschner

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